DHS Memorandum "Angehörige in der Selbsthilfe"

#1 von Friedel , 15.09.2015 14:58

Liebe Angehörige, hier ist ein ganz interessanter Artikel. Es wäre wirklich eine Freude für mich, wenn hierzu einmal Rückmeldungen kommen würden. Keine Ahnung an was es liegt, warum hier niemand einmal antwortet. Es sind oft viele Gäste (Gott sei Dank) im Forum, aber es bleibt so still. Kann mir mal jemand schreiben an was das liegen kann?
Wir könnten uns doch hier prima austauschen. Vielleicht klappt es ja jetzt einmal.

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Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.
Westenwall 4
59065 Hamm
www.suchtkrankenhilfe-fuer-betroffene-und-angehoerige.de
02.09.2014
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. Westenwall 4, 59065 Hamm
DHS-Memorandum „Angehörige in der Sucht-Selbsthilfe vom 19.09.2013
Sehr geehrte Damen und Herren,
der DHS-Newsletter 4-2014 hat auf die Ausschreibung zum Thema Angehörigenarbeit hingewiesen:
„Ausschreibung
Angehörige von Menschen mit Suchterkrankungen: Belastungen und Unterstützungsbedarfe
Das Bundesministerium für Gesundheit schreibt ein entsprechendes Forschungsprojekt aus, in dem
die Belastungen und der konkrete Unterstützungsbedarf von Angehörigen erhoben werden sollen ...
Die systematische Erhebung von Belastungen, Ressourcen und des konkreten Unterstützungsbedarfs
Angehöriger kann ggf. auch zur Kontrastierung der Konzepte der Co-Abhängigkeit und des Co-
Therapeuten führen. (Nicht gefördert werden Konzepte, zu Kindern aus suchtbelasteten Familien.)
....“
Erstaunlich für ein offenes und neutrales Forschungsprojekt ist der besondere Hinweis, dass es dabei
zur „Kontrastierung“ des Co-Abhängigkeitskonzeptes führen „darf“.
Das Bemühen, die Angehörigenarbeit in der Suchtkrankenhilfe zu verbessern ist selbstverständlich zu
begrüßen. Es ist zu hoffen, dass dabei praktisch brauchbare Ergebnisse erzielt werden und das Projekt
nicht in einer Kontrastierung des „Suchtprozeßmodells“ steckenbleibt, wie es beim DHSMemorandum
vom 19.09.2013 der Fall war.
In dieser Denkschrift (Memorandum) zum Thema Angehörige in der Suchtkrankenhilfe wurde die
Situation von Angehörigen überwiegend defizitär dargestellt:
„In der Realität werden aber Angehörige nicht selten übersehen. Ihre Bedürfnisse gehen in der
übermächtigen Suchtproblematik und der Hilfe für die/den Betroffene/n unter. Aber auch alte
und veraltete Sichtweisen tauchen immer wieder auf, wie z.B. der Begriff der ‚Co-
Abhängigkeit’.“
(Memorandum, Kapitel I, S.1, Einführung)
Als Lösung und Ausweg aus dieser Darstellung wird vom Memorandum folgende Perspektive
formuliert:
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„Hilfestellungen – gleich ob in der Sucht-Selbsthilfe oder in der beruflichen Suchthilfe – brauchen
eine offene Haltung und Mut, individuelle Bewältigungsstrategien der suchtmittelabhängigen
Menschen und der Angehörigen zu unterstützen beziehungsweise auszuhalten.“ (S. 4 unten)
Mit einer solchen unverbindlichen, praktisch wenig hilfreichen Perspektive endet das Memorandum.
Da konkrete Alternativen nicht ausgeführt werden, bleibt der Rückschluß, dass es dem Memorandum
im Wesentlichen um die Kritik an der „Co-Abhängigkeit“, der „Suchtfamilie“ usw. ging, die im
systemischen ganzheitlichen Suchtprozeßmodell verankert sind.
Es wird damit behauptet, dass die systemische gesamtheitliche Auffassung von Sucht als
Grundkrankheit mit ihren einzelnen stofflichen wie nichtstofftlichen Suchtform überflüssig sei, wobei
insbesondere Angehörige durch die schematische Diagnostizierung mit dem Begriff „co-abhängig“ als
krank und mitschuldig stigmatisiert werden und in der Suchtkrankenhilfe an den Rand gedrängt seien.
Wenn der Arbeitskreis der DHS ein solches Statement abgibt, dann ist das mehr als nur ein
Diskussionspapier. Es erweckt den Eindruck einer offiziellen Erklärung der DHS und der
Suchtselbsthilfe. Es fordert auch dazu auf, diese Thesen in zukünftigen Schulungen zu
berücksichtigen. Auf jeden Fall hat die DHS den Status, dass deren Stellungnahmen in der
Suchtselbsthilfe, von Institutionen, Kostenträgern und Politik als Bezug genommen werden.
Fakt ist jedoch, dass die Suchtselbsthilfe in großen Teilen an der Inhaltsfindung des Memorandums
nicht beteiligt war. Inwieweit die im Arbeitskreis vertretenen Verbände in ihren Organisationen eine
solche thematische Auseinandersetzung hatten ist nicht bekannt oder ersichtlich. Somit ist das
Memorandum offenbar eine Denkschrift einer Personengruppe mit deren speziellen Sichtweise.
Die Angehörigenfrage und auch die Frage der Auffassung von Sucht sind sehr wesentliche
Grundlagen der Suchtkrankenselbsthilfe wie auch der professionellen Suchthilfe.
Daher wäre es nötig, die Diskussion hierzu auf eine breitere Ebene zu führen, zumal die Inhalte des
Memorandums nicht durch Fakten unterlegt sind, sondern es wird bewertend, behauptend
argumentiert und ein schematisches, oberflächliches, damit falsches Verständnis des
Suchtprozeßmodells zu Grunde gelegt.
Nicht einmal die wichtigsten Vertreter des Suchtprozeßmodells werden benannt und es wird keine
inhaltlich fundierte Auseinandersetzung geführt. Hier wären die AA, AL-ANON, Ursula Lambrou,
Anne Wilson Schaef, Melody Beattie u.a. maßgeblich mindestens zu erwähnen.
Es ist festzustellen, dass das Memorandum auch keine Beispiele einer erfolgreicheren alternativen
eigenen Angehörigenarbeit aufführen kann bzw. aufführt. Die formulierten Thesen für eine bessere
Angehörigenarbeit verschaffen praktisch wenig Klarheit und sind damit wenig hilfreich. Niemand
wird schließlich daran gehindert, neue eigene Konzepte auszuprobieren. Erfolgreiche Konzepte setzen
sich ganz sicher durch.
Das kritisierte Modell des „Suchtprozeßes“ ist allerdings offenbar sehr erfolgreich und hat eine starke
Verbreitung gefunden, weil sich Menschen mit ihrem Sucht- und Genesungsprozeß darin
wiederfinden. Dafür spricht vor allem die erfolgreiche Genesungsarbeit, die hieraus langzeitig
nachgewiesen werden kann. Hier spreche ich auch aus ganz persönlicher Erfahrung.
Im Memorandum wird dieses Verständnis als „vordergründig einleuchtend“ (S.3 Kapitel V)
diskreditiert, was als Abwertung der Persönlichkeitsarbeit vieler Genesender empfunden werden kann.
Tatsächlich ist Angehörigenarbeit ein Grundstein für die Genesungsarbeit und zwar von Anbeginn der
Suchtselbsthilfegeschichte. Gerade die ganzheitliche Auffassung des „Suchtprozeßes“ hat das
Verdienst, diesen Anteil in der Genesungsarbeit noch zu vertiefen.
Was als Motiv für das Memorandum positiv gesehen werden kann, ist der Wunsch nach einer
Verbesserung der Angehörigenarbeit. Nicht abzustreiten ist, dass in der Suchthilfe auch platte und
schematische Verwendungen stattfinden und es zu Stigmatisierungen kommt. Das ist nicht nur auf das
Thema Angehörige begrenzt. Es gibt bei nahezu allen Dingen, Modellen und Begriffen in der
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Suchtkrankenhilfe auch wenigstens eine „nasse“ Variante. Die Antwort auf „nasses“ Verstehen kann
nicht die Abschaffung von hilfreichen Modellen und Begriffen sein. Im Gegenteil ist es wichtig,
Prozesse und Begriffe vom Wesen her besser zu verstehen, damit Verständnis und Klarheit zu fördern.
Nur das hilft gegen Stigmatisierungen.
Wer das folgende Zitat des Memorandums genauer betrachtet, erkennt eine sehr einseitige
Beschreibung der Situation Angehöriger in der Suchtkrankenhilfe in einer ‚nicht seltenen’ defizitären
Opferrolle, stigmatisiert als „Co-Abhängige“.
„In der Realität werden aber Angehörige nicht selten übersehen. Ihre Bedürfnisse gehen in der
übermächtigen Suchtproblematik und der Hilfe für die/den Betroffene/n unter. Aber auch alte
und veraltete Sichtweisen tauchen immer wieder auf, wie z.B. der Begriff der ‚Co-
Abhängigkeit’.“
(Memorandum, Kapitel I, S.1, Einführung)
Hierbei wird ausgeblendet, welches Selbstverständnis Angehörige selbst mitbringen und welche
berechtigen bzw. unberechtigten Erwartungen sie oftmals an die Suchtkrankenhilfe haben. Wer
langjährig Suchthilfearbeit macht, kann durchaus dazu einiges sagen. Angehörige sind keineswegs nur
bedürftig und schwach.
An dieser Stelle der Hinweis, dass in der Angehörigenarbeit der Anteil der Männer von Anfang an
äußerst gering war, was offenbar über Jahrzehnte unhinterfragt hingenommen wird. Eine Darstellung,
dass die Bedürfnisse angehöriger Männer in der übermächtigen Suchtproblematik untergehen, würde
als seltsam empfunden werden (Im übrigen ist auch noch nicht ergründet, warum suchtkranke Frauen
eine höhere Rückfallquote in der Langzeitperspektive haben – liegt evtl. eine der Ursachen in der
geringeren Unterstützung durch ihre Partner?)
Das Memorandum unterstellt dem „Suchtprozeßmodell“, dass Angehörige prinzipiell als krank erklärt
werden und diesen (in der Regel Frauen) Schuldzuweisungen aus ihrem Unterstützungsverhalten
gemacht werden. Weiterhin wird behauptet, dass aus diesem Konzept als „die bestmögliche ‚gesunde’
Reaktion auf die Abhängigkeit des Partners wäre ..., sich frühzeitig zu distanzieren, zumal
abstinenzorientierte Unterstützungsversuche des Suchtkranken seitens des/der Angehörigen nach dem
Konzept der ‚Co-Abhängigkeit’ als hoffungslos gelten.“ (S.4 oberer Absatz).
Diese Darstellungen dokumentieren ein völlig desaströses Verständnis des „Suchtprozessmodells“.
Schuldzuweisungen, Trennungsgebote, Fallenlassen und ähnliche platte Auslegungen sind
zweifelsohne krankheitsfördernd und destruktiv.
Ebenso ist die Notwendigkeit einer Persönlichkeitsstabilisierung sicherlich auch als
Distanzierungsprozeß zu ungesunden Abhängigkeiten und Verhaltensweisen gegeben. Ein Nein zum
Alkohol und eines alkoholischen Lebens ist auf Dauer nicht möglich, ohne auch in anderen Bereichen
ein klares NEIN deutlich zu machen. Jedoch ist offensichtlich unsinnig, grundsätzlich die Trennung
oder die Einstellung jeder gegenseitigen Unterstützung daraus abzuleiten. Praxis ist: die meisten
Partnerschaften bleiben zusammen, finden sich oftmals auf einer qualitativ höheren Partnerebene
wieder. Dennoch kann auch eine Trennung eine Antwort sein, die ebenfalls nicht tabuisiert werden
sollte, wenn es die Entscheidung des Angehörigen oder des Suchtkranken ist. Ratschläge zur
Trennung oder Erhaltung einer Beziehung sind Übergriffe und Grenzüberschreitungen sogenannter
„Helfer“. Solche Positionen haben nichts mit der Prozeßauffassung zu tun, auch wenn sie sich solcher
Begrifflichkeiten bedienen.
„Aber auch alte und veraltete Sichtweisen tauchen immer wieder auf, wie z.B. der Begriff Co-
Abhängigkeit.“ heißt es im ersten Absatz des Memorandums. Seit wann sind Begriffe wie „alt“ und
„veraltet“ ernsthafte Kriterien dafür, ob etwas falsch oder richtig ist? In Wirklichkeit ist die
Begrifflichkeit des „Suchtprozeßes“ in der Geschichte der Suchtkrankenhilfe eher jüngerer
Geschichte, gemessen an Begriffen wie Sucht und Alkoholismus.
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Einige Abstinenz- und Suchthilfeverbände sind erheblich älter. Sollten hier die Bewertungen „alt“ und
„veraltet“ auch angewendet werden?
Es wird damit deutlich, dass diese Begriffe manipulativ bewertend bzw. abwertend verwendet sind
und von daher ist die Grundhaltung der Autoren zur Prozeßauffassung Sucht zu hinterfragen.
Als weiteres Argument gegen den Begriff Co-Abhängigkeit wird angeführt, dass der Begriff „in der
Literatur nicht einheitlich verwendet wird“. Dass Begriffe und Inhalte unterschiedlich verwendet oder
sogar falsch verwendet werden, ist noch kein eindeutiges Kriterium gegen ihre Berechtigung.
Worte wie Sucht und Alkoholismus müssten ebenfalls in Frage gestellt werden, da es einen ständig
stattfindenden Definitionsprozeß gibt (Die im ICD und DSM festgelegte Definition ist nicht an einem
Tag entstanden und gerade erneut in der Diskussion), wobei sicherlich noch viele andere
Interpretationen in „der Literatur gang und gäbe sind“. Begriffe wie Sucht, Trinker, Alkoholiker gab
es bereits als Realitätsbeschreibung, als eine solche Krankheit wissenschaftlich noch gar nicht
definiert war und oft belegt mit den abstrusesten Inhalten und Vorstellungen. Dennoch war trotz aller
Unwissenheit über die Krankheit selbst die Begrifflichkeit in sprachlicher Form als Widerspiegelung
eines offensichtlichen Zustandes bereits vorhanden.
Es gibt Beobachtungen bzw. Realitäten, die mit Begriffen belegt werden, obwohl man deren
Gesamtheit, deren innere Gesetzmäßigkeiten oder Inhalte noch nicht schlüssig erklären kann.
Manchmal gibt es sogar nur Umschreibungen. Das Ergänzungswort für Hunger ist Sattheit. Es gibt für
Durst kein deutsches Ergänzungswort. „Keinen Durst haben“ ist eine Umschreibung. Trotzdem ist der
Zustand des „Nichtdurstes“ real. Man könnte noch viele selbstverständliche Begriffe aufführen, für die
es keine einheitliche Definition gibt (z.B. was eine Nation ist).
Daraus zu folgern, dass es etwas nicht gibt, weil ein sprachlicher Begriff fehlt oder dieser nicht gut
genug ist, ist daher noch nicht schlüssig.
Denn wer in der Suchtkrankenhilfe viele Jahre praktisch tätig ist, wird auf jeden Fall mit dem
konfrontiert, was mit „Co-Abhängigkeit“ beschrieben wird. Gemeint ist damit nicht Co-Verhalten
oder Co-Alkoholismus (was fälschlicherweise oft gleichgesetzt wird mit Co-Abhängigkeit).
Unter Co-Abhängigkeit wird beim „Suchtprozeß“ eine Verhaltensweise bezeichnet, die in ihrer
verfestigten Ausprägung als ernsthafte nichtstoffliche Suchtform verstanden wird. Diese Suchtform ist
kein Alleinstellungsmerkmal von Angehörigen, sondern wird im „Suchtprozeß“ als eine
nichtstoffliche Variante der Grundkrankheit Sucht gesehen. Diese Suchtform ist auch bei stofflich
Süchtigen möglich. Die schematisierte Verwendung und grundsätzliche Diagnostizierung Angehöriger
als co-abhängig ist eng, oberflächlich, einseitig und falsch.
Leider schafft das Memorandum keine Aufklärung darüber, sondern macht es zur Grundlage ihrer
Kritik.
Eine Diskreditierung des Suchtprozeßmodells respektiert nicht, dass Menschen in der Suchtselbsthilfe
selbst angefangen haben, diese Suchtform zu beobachten und letztlich die Erkenntnis des
„Suchtprozeßes“ befördert haben. Für viele Suchtkranke ist diese ganzheitliche Betrachtung ihrer
Krankheit der qualitative Durchbruch zu einer zufriedenen Nüchternheit und der Ablegung ungesunder
Abhängigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale in einem umfassenden Genesungsprozeß.
Ebenso wie das grundlegende Verständnis der Krankheit des Alkoholismus und der Kapitulation von
Alkoholikern selbst kam und das Tor öffnete für die heutigen Erfolge, auf deren Erkenntnissen
letztlich auch die professionelle Suchthilfe ihre heutigen Möglichkeiten entwickelt hat, beruht die
Weiterentwicklung zu einer ganzheitlichen systemischen Suchtauffassung auf den Selbsterfahrungen.
Somit sollte auch mit entspechendem Respekt behandelt werden, was Co-Abhängige über sich und
ihre Krankheit bzw. Genesung zu sagen haben. Und es ist der Mühe wert, sich um ein wirklich
grundlegendes Verständnis zu bemühen, da dieses tiefgehende und ganzheitliche Verständnis von
Sucht und Genesung ein wichtiges Tor öffnet. Ich sage das auch deshalb, weil es mir selbst in den
ersten Jahren der Trockenheit verschlossen war und ich weiß, wie wichtig es für mich war, dieses
Verständnis zu bekommen.
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So wie es erforderlich ist, immer wieder auch die Originalliteratur der ersten trockenen Alkoholiker zu
lesen, so sollte es auch mit der Basisliteratur über den „Suchtprozeß“ sein. Oft verliert die 2. und 3.
Literatur den Kontakt zum Original, zitiert sich gegenseitig, wobei dann fehlerhafte Interpretationen
popularisiert werden. Wer kennt nicht die dramatische Geschichte von der Weinbrandbohne, die zum
ultimativen Rückfall führen soll, oder in jüngerer Zeit das sogenannte „Kontrollierte Trinken“ des Dr.
Körkel. In popularisierter Form wird inzwischen oftmals kolportiert, das Abstinenzgebot für
Alkoholiker sei „veraltet“, wobei auch süchtige Alkoholiker einbezogen werden.
Als weiteres Argument gegen den Begriff „Co-Abhängigkeit“ wird behauptet, das Wort würde
stigmatisierend wirken. Genau das jedoch kann man dem Begriff selbst nicht vorwerfen. Als Wort ist
es moralisch neutral. Moralisch neutral ist auch das Wort Alkoholiker. Der Begriff Säufer hingegen
hat aus dem Wort heraus bereits eine Abwertung (Tiere saufen). Der Begriff Co-Abhängigkeit hat den
zuvor eingeführten Begriff Enabler abgelöst. Enabler heißt Ermöglicher und transportiert damit bereits
eine Schuldzuweisung. Daher wurde dieses Wort zu Recht abgelöst.
Das bedeutet, dass eine Stigmatisierung sowohl des Wortes Alkoholiker wie des Wortes Co-
Abhängiger allein aus der Wertung des Nutzers bzw. des Hörers erfolgt.
Das heißt, dass das stigmatisierende Weltbild unabhängig von der Existenz dieser Begriffe besteht.
Man kann der Meinung sein, dass das Wort „Co-Abhängigkeit“ kein ideales Wort darstellt, allerdings
gibt es bisher auch kein Besseres. Worte wie „Beziehungssüchtig“, „Helfersyndrom“, „Symbiotische
Beziehung“ u.a. treffen bestimmte Aspekte, aber auch nicht den Kern der Krankheit wirklich. Auf ein
eigenes Wort zu verzichten, hätte den Nachteil, die Krankheit nicht mehr benennen zu können. In
einer Abschaffung des Modells des „Suchtprozeßes“ und der „Co-Abhängigkeit“ eine Verbesserung
der Suchthilfe- und speziell der Angehörigenarbeit abzuleiten, ist nicht wirklich zielführend. Ein
fundiertes Verständnis des Modells würde helfen, missbräuchlicher Anwendung entgegenzuwirken.
Was das Memorandum zu Recht anspricht, ist das Thema Stigmatisierungen, die in der
Suchtkrankenhilfe auch stattfinden. Das ist einem oft flachen, schematischen Verständnis aller
möglichen Begriffe und Modelle zu verdanken, die in der Suchthilfearbeit verwendet werden, nicht
nur bei der „Co-Abhängigkeit“.
Hier sollte bedacht werden, dass in der Suchtkrankenhilfe überwiegend Menschen mit
Krankheitshintergrund, Persönlichkeitsproblematiken, unterschiedlichem Genesungs- und
Bildungsstand versammelt sind. Daher ist es nicht nur in der Angehörigenfrage durchaus Praxis, dass
falsches, oberflächliches Verständnis passiert und es auch zu stigmatisierendem Verhalten
untereinander kommt (übrigens auch von Angehörigen selbst miteinander). Im Grunde gibt es nichts
in der Suchtkrankenhilfe, was nicht auch mindestens eine „nasse“ Variante hat. So kann man den
Begriff Rückfallkrankheit auch als Rechtfertigung dafür benutzen, weiter trinken zu müssen. Das ist
nur ein Beispiel praktischer Fehlauslegung. Die Folgerung daraus, die Auffassung vom
Rückfallmodell zu streichen wäre sicherlich nicht hilfreich. Und auch hier könnte man argumentieren,
dass das Wort Rückfall evtl. nicht gut genug ist. Ob ein Mensch tatsächlich „zurückfällt“ oder gar bei
0 wieder anfängt, ist kein unbedingt motivierendes Verständnis. Dennoch ist ein Vorfall
(Weinbrandbohne) nicht in der Lage, den Begriff des Rückfalls im Suchtverständnis zu ersetzen.
An dieser Stelle der Hinweis, dass auch im Memorandum eine solche doppelbödige Botschaft
aufgeführt ist:
Auf Seite 2 des Memorandums heisst es „Die Angebote der Sucht-Selbsthilfegruppen sind kostenfrei.“
Diese Formulierung hört man oft auch als: Selbsthilfe ist kostenlos.
De Facto ist es aber nicht wirklich so: Miete, Energie, Reinigung bzw. Raumkosten, Benzin,
Schulungen sind Kosten, die bezahlt werden müssen, von wem auch immer. Somit ist diese Aussage
objektiv falsch, aus der Sicht des Nutzers einer Selbsthilfe kann ein Anspruchsdenken auf kostenfreie
Leistungen gefördert werden, was praktisch auch durchaus festzustellen ist.
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Offenbar hat sich aus der komfortablen Situation vieler Jahrzehnte, dass staatliche Mittel,
Krankenkassen, Rentenversicherer usw. die Selbsthilfe unterstützen, diese Interpretation ergeben, dass
Leistungen der Selbsthilfe als kostenlos (für die Nutzer) angeboten werden. Unmerklich ist damit eine
geringfügige, aber qualitativ wichtige Verschiebung der Selbsthilfebotschaft vollzogen, die von den
Anonymen Alkoholikern als Basis ihrer Genesungsarbeit formuliert und beispielgebend für den
größten Teil der Suchtselbsthilfe übernommen wurde:
„Umsonst habt Ihr empfangen, umsonst sollt Ihr geben“ (12 Schritte und 12 Traditionen, S. 105)
Das ist der Kern dieses Teils des 12. Schrittes, der lautet „Nachdem wir durch diese Schritte ein
spirituelles Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese Botschaft an andere Alkoholiker
weiterzugeben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten.“
Es geht also um die Botschaft, die kostenlos ist.
Auch bei den Anonymen Alkoholikern steht ein „Sparschwein“ oder „Sammelteller“. Auch sie
bezahlen Miete, Kaffee und ihre Bücher selbst.
Aufgrund der Kürzungen der Fördermittel für Selbsthilfeeinrichtungen ist es inzwischen auch nicht
mehr so selten, dass nicht mehr alles kostenlos angeboten werden kann. Eine Reihe von Gruppen
haben inzwischen Mitgliedsbeiträge, Spenden- und Förderstrukturen eingeführt. Das liegt in der
Entscheidungshoheit jeder Selbsthilfegruppe, die ihre Rahmenbedingungen selbst bestimmen.
Während die Botschaft der Genesung selbst kostenlos bleibt, erfordert die Anspruchnahme anderer
Leistungen durchaus eine Finanzierungsform. Es ist also eine Aussage des Memorandums, die nicht
durchgängig für die gesamte Sucht-Selbsthilfe gültig ist.
Während in der AA-Botschaft enthalten ist, dass man nicht nur selbst kostenlos empfängt, sondern
selbst kostenlos weitergibt, fehlt dieser aktive Part des Eigenanteils der Genesung im Memorandum
und ist aus dieser Sicht heraus geeignet, eine ungesunde Anspruchshaltung zu verstärken.
Das soll deutlich machen, wie Interpretationen und Leitsätze sich auf eine Weise verselbstständigen
und unreflektiert verflachen, sich vom Kernverständnis entfernen und ein Eigenleben entwickeln und
zum „Allgemeingut“ werden.
Mit diesem Hinweis soll deutlich werden, dass es durchaus lohnt, die nüchterne wie auch die
„nasse(n)“ Variante(n) von Begriffen, Leitsätzen und Modellen zu kennen.
Und diese Varianten gibt es auch beim Thema und dem Verständnis des „Suchtprozeßes“ und den
zugehörigen Begrifflichkeiten „Co-Abhängigkeit“, „Genesungsprozeß“ etc.
Wenn also Begriffe stigmatisierend und schuldzuweisend verwendet werden, ist eine Förderung des
tieferen Verständnisses und die Auseinandersetzung mit der Originalliteratur hilfreicher.
Auch mancher Alkoholiker verlässt das Hilfesystem, wenn Fehler passieren. Daraus schlussfolgern
wir lange nicht, dass wir die Begriffe Alkoholiker, Alkoholismus und Sucht entfernen, um Alkoholiker
nicht mehr zu „verschrecken“. Manchen Alkoholiker stört es auch, wenn in der Gruppe über
Alkoholismus gesprochen wird und er fühlt sich angegriffen. Und so mag es Co-Abhängige stören,
wenn über Co-Abhängigkeit gesprochen wird.
Das entspräche der Erwartung, einen Doktor aufzusuchen und zu erwarten, dass dieser nicht über
Krankheiten redet, damit die Patienten bleiben.
Das steht jedoch nicht im Kontrast zum Grundsatz, dass ein Mitglied dem anderen keine Diagnose zu
stellen hat, ob ein anderer alkoholkrank oder co-abhängig ist bzw. - was durchaus auch passiert, es in
Abrede zu stellen („Du bist doch kein Alkoholiker. Du bist doch nicht co-abhängig“).
Grundsatz ist: Wir reden über uns selbst, unseren Krankheits- und Genesungsverlauf und über unsere
Sichtweise dabei. Wir geben dies als unser Werkzeug in die Mitte und jeder kann sich dann aus
diesem Werkzeugkasten nehmen, was er für sich braucht. Somit ist generell die Bezichtigung anderer
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als Co oder wie auch immer, als Grenzüberschreitung zu betrachten. Eine solche Grenzüberschreitung
ist der Versuch, über andere Mächtigkeit auszuüben, genau das Gegenteil dessen, was
genesungsfördernd wäre.
Leider fehlen dem Memorandum diese Aspekte von Genesungsarbeit.
Offenbar ist es für erforderlich, den Kern des „Suchtprozeß-Modells“ darzulegen, so wie es aus der
Originalliteratur der AA, Al-Anon, Anne Wilson Schaef, Melody Beattie, Ursula Lambrou hervorgeht.
Dieses Verständnis besagt, dass die einzelnen stofflichen und nichtstofflichen Suchtformen sowohl
eine eigenständige Symptomatik aufweisen wie auch Bestandteil einer umfassenderen Grundkrankheit
sind. Diese komplexe Krankheit heißt Sucht. Dieser liegt ein „Suchtprozeß“ zugrunde, also ein
Krankheitsverlauf, zu dem verschiedene Suchtformen gehören. Kaum ein Süchtiger hat nur eine
Suchtform. „Suchtverlagerung“ ist ein geflügelter Begriff. Alkoholiker kennen oft mindestens noch
die Nikotinsucht, manche auch die Spielsucht, aber auch Arbeits-, Beziehungs-, Sex- oder Kaufsucht
sind oft im Hintergrund der Primärsucht, für die akute Hilfe gesucht wird. Nichtstoffliche
Suchtformen gehören damit zum Krankheitsbild und zur gesamtheitlichen Genesungsarbeit. „Co-
Abhängigkeit“ ist eine Suchtform, die der Alkoholsucht vorgelagert sein kann, sie begleitet bzw. auch
in der Trockenheit auftaucht (manch Alkoholiker schlüpft in die Rolle des Retters, der andere
Suchtkranke und auch Angehörige „verfolgt“ und missioniert, was sich erfahrungsgemäß in
dramatischen Vorgängen des Gruppenprozeßes widerspiegelt). Das Dramadreieck „Retter-Verfolger-
Opfer“ spiegelt diese automatisierten Vorgänge „nassen“ Verhaltens sehr gut wider, wobei die
Gruppenarbeit den Sinn hat, das Dramadreieck hinter sich zu lassen.
Co-Abhängigkeit wird leider oftmals und fälschlicherweise auf „die Angehörigen“ reduziert und
schematisiert. Das mag daher kommen, dass sie zunächst bei Angehörigen beobachtet wurde. Denn
das praktische Verhalten und die Symptomatik waren rätselhaft und befremdend, wenn Angehörige
Entzugserscheinungen, Zusammenbrüche, Eifersuchtsdramen aufwiesen, obwohl sie selbst keine
stoffliche Sucht hatten. Das Befremdende war nicht, dass Angehörige (wie im Memorandum
beschrieben) gesundheitliche Probleme aufwiesen als Folge der jahrelangen Belastung durch den
Trinkenden, sondern dass es Angehörige gab, die nach Erreichen der Trockenheit des Partner statt des
zu erwartenden Gefühls der Befreiung, Entlastung und Erleichterung schwere Entzugserscheinungen
und Zusammenbrüche hatten. Dass dauerhafte Überlastungen krank machen können, ist nicht die
Frage, „Co-Abhängigkeit“ ist eher das Thema, wenn die Befreiung von der Belastung zu ähnlichen
Erscheinungen führt wie beim Alkoholiker das Absetzten des Alkohols. Im Memorandum werden
solche Ausfälle nicht benannt. Wie jede andere Suchtform ist dieses Stadium einer Suchterkrankung
nicht aus eigener Kraft lösbar und bedarf der Hilfe von aussen.
Diese rätselhafte Beobachtung führte zunächst dazu, auf eine spezielle Krankheitssymptomatik von
Angehörigen zu schließen. Das ist jedoch schon lange korrigiert. Nicht jeder Angehörige ist
notwendig co-abhängig. Andererseits bedeutet es, dass auch Alkoholiker „co-abhängig“ sein oder
werden können. Es führte zu einem gesamtheitlichen systematischen Verständnis der Grundkrankheit
Sucht sowie zur Erkenntnis von suchtfördernden Systemen und Verhaltensweisen. Dass es diese
Zusammenhänge gibt, dürfte unstrittig sein. Daraus eine Schuldzuweisung abzuleiten, ist jedoch
paradox. Von Schuld kann nur dort gesprochen werden, wo jemand mit Absicht Handlungen vollzieht.
Schon beim Alkoholiker ist die Entlastung von der Schuldfrage zu Beginn der Hilfe ein wichtiger
Grundbaustein. Welcher Alkoholiker setzt sich hin und sagt, ich trinke jetzt solange bis ich süchtig
bin. Jeder glaubt doch, dass er es im Griff habe. Ebenso ist es mit co-abhängigen Verhaltensweisen. Es
ist nicht anzunehmen, dass ein solches Verhalten absichtlich stattfindet. Daher hat co-abhängiges
Verhalten ebenfalls nichts mit Schuld zu tun und unabhängig von diesem Begriff ist es auch in bezug
auf Angehörige so, dass oftmals ein Schuldbewusstsein vorhanden ist, auch wenn dort jede
Vorkenntnis von Sucht fehlt.
Das bedeutet, dass die Entlastung von Schuld und Scham eine grundsätzliche Ebene ist, die zum
Einstieg in die Genesungsarbeit erforderlich ist.
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Das verdeutlicht, dass es nicht wirklich um Begriffe geht, sondern darum, wie sie verstanden bzw.
angewendet werden. Wenn ein Arzt sagt, das ist eine Herz-Kreislauferkrankung – hat er damit
jemanden beschuldigt, ungesund gelebt zu haben? Wenn in der Suchtkrankenselbsthilfe jemand sagt,
dass etwas co-abhängiges Verhalten ist, hat er damit eine Schuldzuweisung ausgesprochen?
Mit der Erkenntnis eines umfassenden Krankheitsverständnisses wurde deutlich, dass eine
oberflächliche Behandlung einzelner Suchtformen die Grundkrankheit in einem Zustand des Köchelns
belässt. Suchtverlagerungen und auch Rückfälle nach langjähriger Abstinenz sind im Kontext der
Grunderkrankung Sucht verständlich. Der langjährige Genesungsprozeß zur zufriedenen Nüchternheit
wird als Präventionsarbeit deutlich. Hierzu gehört nicht nur die körperliche Seite, sondern auch die
geistige, seelische, soziale und lebenssinnliche (spirituelle) Dimension der Suchterkrankung bzw.
Genesungsarbeit. Daher wird die Beteiligung der Familie als positiver Bestandteil der Genesungsarbeit
gesehen, später wurde auch der Blick über die Familie hinaus erweitert auf die sozialen Netzwerke
insgesamt (Familie, Freunde, Arbeit, Verein, ...).
Im Laufe der Zeit wurde immer klarer, dass Co-Abhängigkeit nicht nur eine Suchtform im
Gesamtmodell ist, die sich im Kontext mit Suchtkranken entwickelt und verschärft, sondern eine
eigenständige Existenz entwickelt, die auch ohne unmittelbare Nähe zu einem Suchtstoff oder –
abhängigen aktiv ist und eben auch nicht ausschließt, dass stofflich Süchtige (Alkoholiker) selbst an
dieser Krankheit erkranken können bzw. co-abhängige Verhaltensweisen zeigen.
Anne Wilson Schaef schreibt:
„Es dämmerte uns, dass dieser Krankheitsbegriff eine Eigendynamik entwickelt, die viel
verheerender ist als ursprünglich angenommen. Heute erkennen wir allmählich, dass Co-
Abhängigkeit eine Krankheit mit eigener Symptomatik ist. Wie jede Krankheit hat sie einen Anfang
(der Punkt, an dem der Betroffene sein Leben nicht mehr meistert), einen vorhersagbaren Verlauf
(der langsam fortschreitende emotionale, physische, psychische und geistige Verfall) und – wenn
sie nicht behandelt wird - ein absehbares Ende (den Tod).“ (Anne Wilson Schaef, Co-Abhängigkeit,
Die Sucht hinter der Sucht, S. 16)
Persönlich kann ich sagen, dass ich anfangs mit Hilfe der üblichen Gruppenarbeit und einer noch
oberflächlichen Auffassung eine stabile Trockenheit erreichte. Die Tür zur zufriedenen Nüchternheit
jedoch war mir noch verschlossen, weil mir der Gesamtblick fehlte und der Focus auf dem
Alkoholismus lag. Nikotinsucht, ungesunde Ernährung und Verhaltensweisen, Schwierigkeiten mit
Nähe und Distanz zu anderen Menschen usw. sah ich als Einzelprobleme an, die für mich ausserhalb
meiner Suchtproblamtik existierten bzw. in meiner damaligen Sicht, das Problem anderer darstellten.
Erst nachdem ich das Modell des „Suchtprozeßes“ kennen und verstehen lernte, war mir möglich, hier
umfassendere, geistige, psychische, soziale und spirituelle Sichtweisen zu gewinnen . Der
„Suchtprozeß“ blockierte große Teile meiner Lebensenergie. Mir wurde deutlich, warum ich mich
bereits vor meiner Alkoholerkrankung krank gefühlt hatte und auch in der Zeit der Trockenheit
Defizite spürte. Co-Abhängigkeit war die Grundlage dafür gewesen, dass ich letztlich die Zuspitzung
im Alkoholismus suchte. Der Alkohol forcierte meine Grunderkrankung, was mir das Tor zur
Genesung öffnete. Es ganz aufzuschließen, das gelang mir erst nach einem tieferen Erkenntnisprozeß.
Daher bin ich dankbar für die komplexe Auffassung, die ich über das „Suchtprozeßmodell“ bekam.
Und diese tiefe Erkenntnis und diese Lebensqualität lasse ich mir auch nicht durch eine verzerrte
Darstellung des Suchtprozeßmodells nehmen. Ich werde mich auch nicht davon abhalten lassen, meine
Auffassung zum Thema Sucht und Suchtprozeß weiterzugeben, so wie ich es authentisch erlebe und
welche Instrumente mir dabei geholfen haben.
Im Grunde ist die Grunderkrankung Sucht so zu definieren:
Der Süchtige leidet am Problem der Allmächtigkeit. Es ist der egozentrische zwanghafte Versuch, den
Lebensprozeß kontrollieren zu wollen. Beim Alkoholiker zeigt sich das speziell im vergeblichen
Bemühen, die Kontrolle über den Alkohol zu gewinnen, und in der endlosen Reihe demütigender
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Niederlagen, die ihn in den Untergang treiben. Bekannt ist der Satz: Gott ließ mich durch den Alkohol
demütigen, um mich Demut zu lehren.
Erst diese Grundhaltung der Demut und des Loslassens ist die Grundlage von Genesung nicht nur in
Bezug auf den Alkohol. Das passiert praktisch nicht dadurch, dass der Alkoholiker diese
philosophische Einsicht hat, sondern dadurch, dass er es aufgibt, sich selbst zu retten und sich z.B. in
eine Suchtklinik einliefern läßt oder die Schwelle einer Suchthilfegruppe übertritt.
Co-Abhängigkeit ist der (unbewußte) egozentrische zwanghafte Glaube, im Zentrum der Gefühle,
Gedanken und Verantwortlichkeit gegenüber anderen (Menschen, Institutionen, Unternehmen u.a.) zu
stehen. Im Guten wie im Schlechten wird eine disfunktionale Verantwortlichkeit eingebildet, die von
Kontroll- und Manipulationsanstrengungen begleitet sind. Helden- und Schuldgefühle begleiten
diesen Prozeß, der die eigenen Lebensenergien abschnürt.
Da es jedoch die Illusion der Kontrolle ist, führt diese Einstellung zu endlosen demütigenden
Niederlagen, was sich letztlich als eigenständige Suchtform manifestiert, die unbehandelt zum eigenen
Untergang, zum vorzeitigen Tod führt.
Der erste Schritt für alle Süchtigen lautet:
„Wir gaben zu, dass wir keine Macht über unser Problem haben – und unser Leben nicht mehr
meistern konnten.“
Für Co-Abhängige lautet der erste Schritt:
„Wir gaben zu, dass wir keine Macht über andere haben – und unser Leben nicht mehr
meistern konnten.“ (Mut zur Unabhängigkeit, Melodie Beattie) Anmerkung: Melodie Beattie ist
übrigens ein Beispiel für jemanden mit eigener stofflicher Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit.
Der Versuch der Allmächtigkeit ist nicht zu verwechseln mit legitimer Macht (beschützende Macht
der Eltern zu ihren Kindern, die Macht aus der Rolle des Abteilungsleiters oder der Rolle als Richter
usw.). Natürlich können legitime Machtrollen auch missbraucht werden im co-abhängigen Sinne.
Daher ist eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema Macht notwendig.
Das Problem der Stigmatisierung in Suchthilfegruppen möchte ich hier noch besonders ansprechen. Es
ist ja keinesfalls so, dass es ein spezielles Angehörigenproblem ist.
Die Stigmatisierung, Verdrängung, Schuldzuweisung gegenüber anderen und auch Angehörigen ist ein
Teil des noch laufenden Genesungsprozesses in einer Suchthilfegruppe. Selbst Angehörige
untereinander stigmatisieren sich gegenseitig, wobei das auch ohne Suchtmodellbegriffe passiert.
Es geht auch über „Da bist Du selbst schuld.“ Du-bist-Botschaften sind ein sprachlicher Ausdruck
grenzüberschreitender Vorgänge. Es ist „normales“ Verhalten, das auf Unwissenheit beruhen kann,
andererseits auch dem noch unzureichenden Genesungsstand geschuldet ist. Andere zu‚verfolgen’,
ihnen Schuldzuweisungen machen, die Inventur anderer Menschen durchzuführen usw. ist durchaus
zu beobachten. Eine Suchtselbsthilfegruppe besteht weniger aus gesunden denn kranken Personen. Es
ist überzogen, von solch einer Personengruppe ein heterogenes gesundes Verhalten zu erwarten. Das
bedeutet, das Ziel von Genesungsarbeit zur Voraussetzung zu machen.
Eigene und fremde Fehler auszuhalten und darüber miteinander zu sprechen ist ja geradezu ein
Kernelement des Gruppenprozeßes. Ein solcher Prozeß begleitet die Gruppenarbeit und wirkt letztlich
positiv durch eine offene Atmosphäre. Gerade dadurch werden ungesunde Verhaltens-, Denk- und
Gefühlsmuster aus der Dunkelheit geholt. Es ist die Frage der Qualität einer Gruppe, keine Frage des
Vorhandenseins irgendwelcher Begrifflichkeiten. Gebot: „Was Du hier siehst, hörst, lernst - mach
es nicht zur Waffe gegen andere und Dich selbst.“
Zur Ehrenrettung der Prozeßarbeit sei hier gesagt, dass alles das, was im Memorandum zurecht an
positiven Gewinnen aufgezählt wird, gerade denen zu verdanken ist, die sich mit dem Thema des
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Umfeldes und der Familie beschäftigt haben und den Suchtprozeß als Gesamtheit erkannt haben.
Gerade hierdurch ist der besondere Stellenwert der Angehörigen und des Umfeldes integriert in die
Genesungsarbeit und deren unbestrittene Position in der Suchtkrankenhilfe.
Ein rein biologisches oder medizinisches Suchtverständnis wäre kaum auf eine umfassende
systemische Einbeziehung des Umfeldes von Suchtkranken gekommen. Bis heute ist es für die
Personen im Umfeld von Suchtkranken schwierig, angemessene professionelle Hilfe zu erhalten. Hier
zeigt sich die Focussierung des Hilfesystems auf den Süchtigen selbst. Haben es schon angehörige
Partner schwer, Hilfe zu erhalten, ist die Hilfe für die schwächsten Glieder, nämlich die Kinder,
praktisch null. Nur die Kinder, die ausrasten, kriminell werden usw. haben Aussicht, mit
entsprechenden Institutionen Bekanntschaft zu machen. Und so werden unbehandelt viele Kinder von
Süchtigen erwachsen mit einer sich später manifestierenden Problematik. Auch hier zeigt sich, dass
die ganzheitliche Sichtweise von Sucht hier präventiv wirksam werden könnte, würden ihre
Erkenntnisse ernst genommen.
Daher ist auch die im Memorandum geäußerte Kritik an der „Sucht-Familie“ nicht nachvollziehbar.
Gerade hier ist der eigenständige Bedarf der Förderung angehöriger Familienmitglieder gesehen und
entwickelt worden.
Als weiterer Fehlverständnis ist zu beobachten, dass Co-Abhängigkeit sehr oft unreflektiert synonym
mit anderen Begriffen verwendet wird wie z.B. Co-Verhalten und Co-Alkoholismus. Ebenso wird das
Wort Abhängigkeit von vornherein negativ belegt und verstanden.
Auch hierüber lohnt sich ein Nachdenken, um größere Klarheit zu gewinnen und einem flachen und
falschen Verständnis entgegenzuwirken.
Dazu einige Grundgedanken und Anregungen.
In der Suchtkrankenhilfe wird das Wort Abhängigkeit schon als solches meist negativ bewertet. Die
persönliche „Unabhängigkeit“ gilt als höchstes Ziel, was sogar zum Vorurteil führen kann, die
Zugehörigkeit zu einer Selbsthilfegruppe mache gruppenabhängig. (Nun habe ich keine Rückfälle
aufgrund zu vieler Gruppenbesuche erlebt, sondern das Gegenteil ist der Fall).
In unserer Gruppe wurde eine lebhafte Debatte geführt über die Frage der Gruppenabhängigkeit. Es
scheint, dass Alkoholiker offenbar nichts mehr fürchten als die Abhängigkeit, ohne zu überlegen,
wieviele Abhängigkeiten positiv sind.
So sollte man unterscheiden zwischen nützlichen, gesunden Abhängigkeiten und ungesunden,
schädlichen. Welcher Alkoholiker beklagt sich darüber, dass er vom Elektrizitätswerk abhängig ist,
wenn er sein Wohnzimmerlicht einschaltet. Oder wer beklagt sich darüber, dass er von seinem
Arbeitgeber den Lohn überwiesen bekommt, von dem er abhängt. Auch in der Beziehung gibt es eine
gewisse gesunde Abhängigkeit vom Partner, um sich wohlzufühlen (Nähe, Zärtlichkeit, Sexualität
usw.).
Folgerung: der Mensch hat die Fähigkeit zur Abhängigkeit, so dass er Beziehungen und Handlungen
eingehen kann, die gut und nützlich sind. Letztlich kann es als urmenschlich betrachtet werden, dass
der Mensch nur existieren kann in Abhängigkeit und Definition zum Anderen, letztlich auch der
Eremit in seiner Distanz zu anderen.
Die Kehrseite besteht in der Wahlmöglichkeit von Abhängigkeiten und Handlungen, die letztlich
ungesund sind oder werden.
Zu diesen ungesunden Abhängigkeiten gehören auch die Sucht, krankmachende soziale Beziehungen,
ungesunde Arbeitsverhältnisse u.a. Eine gesunde Abhängigkeit ist frei kündbar. Eine ungesunde
Abhängigkeit sollte gekündigt werden. Krankmachend ist es dann, wenn man unfähig ist, diese
aufzulösen.
So ist konsequente Prozeßauffassung, dass ein süchtiger Alkoholiker nicht nur die Aufgabe hat, sich
vom Alkohol zu lösen, sondern sich eine Übersicht seiner Abhängigkeiten zu verschaffen, um diese in
gesunde oder ungesunde aufzuteilen.
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Was die ungesunde Seite betrifft, hat er einiges zu tun, eine nach der anderen loszuwerden und auf der
positiven Seite hat er bis an sein Lebensende zu tun, sich über diese bewusst zu sein, sie zu schätzen
und zu fördern. Letzteres macht dann den Spass an der Genesungsarbeit bzw. Prozeßarbeit richtig
rund.
Abhängigkeit ist also nicht von vornherein negativ, sondern ist auch die Fähigkeit zur positiven
Lebensgestaltung, zur Co-Operation mit anderen.
Zum Begriff Co:
Co heißt Mit. Wir kennen viele Begriffe, die mit Co anfangen: Co-operation, Koordination, Kommune
(Gemeinschaft, Miteinander) usw. Co-Verhalten ist ein natürliches Verhalten, das zunächst stattfindet,
um sich gegenseitig zu bestätigen bzw. energiesparend sozial zu agieren. Wir übernehmen die
Erfahrungen unserer Vorfahren und unseres sozialen Umfeldes und müssen nicht alles neu lernen. Im
biologischen Sinn könnte man es auch als „Schwarmverhalten“ benennen. Lernen durch Abgucken,
Erfahrung von Zugehörigkeit.
Das ist so lange ergonomisch und vorteilhaft, solange es keine Schwierigkeiten gibt.
Daher ist Co-Verhalten wertneutral und fernab jeder eigenen Krankheitsbegrifflichkeit.
Co-Verhalten als unterstützendes Verhalten einer menschlichen Gemeinschaft kann geändert werden,
wenn der Schluß naheliegt, dass es schädliche, negative Auswirkungen hat, es beizubehalten oder
wenn es abgelöst wird durch ein vorteilhafteres Verhalten. Im positiven Sinne ist Co-Verhalten ein
stabilisierendes Verhalten im Gruppenumfeld trockener Alkoholiker, die praktisch vorleben, dass ein
Leben ohne Alkohol machbar ist und qualitativ wertvoll.
Co-Verhalten gibt es auch in der negativen Form, wenn es ungesunde Dinge unterstützt. Allerdings ist
es wenig hilfreich, Co-Verhalten automatisch negativ zu verwenden, und auf keinen Fall ist es zu
verwechseln mit dem Begriff Co-Abhängigkeit.
Co-Alkoholismus wiederum ist auch nicht automatisch co-abhängig. Co-Alkoholismus bezeichnet
zunächst einmal alles, was zur Herstellung, Verbreitung, Konsum und Förderung des Stoffes Alkohol
geeignet ist. Sicherlich ermöglicht dieses Segment wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich usw. den
Alkoholkonsum und von daher besteht auch eine gewisse Mitverantwortung für die Folgen.
Co-Alkoholismus ist allerdings dennoch nicht gleichzusetzen mit der Suchtform Co-Abhängigkeit.
Co-Alkoholismus kann Teil einer Co-Abhängigkeit sein, muß es aber nicht.
Beispiel:
Ein Gastwirt ist von Berufs wegen schon co-alkoholisch. Allerdings ist er damit noch nicht
automatisch co-abhängig.
Ein verantwortungsvoller Gastwirt, der nicht co-abhängig ist, wird seine Gastwirtschaft pünktlich zum
Feierabend dicht machen, unabhängig davon, ob seine Gäste um weitere Biere betteln, da ihm sein
Feierabend bzw. seine Familie wichtiger sind. Er setzt gesunde Grenzen und hat vielleicht sogar den
Grundsatz, dass er nicht mit seinen Gästen mittrinkt nach dem Motto: „Dienst ist Dienst“.
Ein co-abhängiges Verhalten des Gastwirtes wäre es dann, wenn er eigentlich Feierabend machen will
und aus einem schlechten Gewissen gegenüber seinen Gästen sein eigenes Wohlbefinden zurückstellt.
Evtl. trinkt er mit den Gästen mit, weil er sie nicht zurückweisen möchte. Hier beginnt der Begriff der
ungesunden Abhängigkeit, die Co-Abhängigkeit, da er seine eigene Gesundheit und seine Bedürfnisse
hinter das Anliegen anderer stellt, im (unbewußten) Glauben, damit „mächtig“ zu sein über die
Sympathie und Anerkennung der anderen zu seiner Peron. Erfahrungsgemäß passiert genau das
Gegenteil: es erfolgt der Verlust des Respekts vor seiner Person, während „Undankbarkeit“ und
Ansprüche der Gäste steigen.
Co-abhängiges Verhalten ist allerdings auch noch nicht automatisch ein Suchtstadium. Jedem passiert
es, dass er nicht auf Einhaltung der eigenen Grenzen oder die anderer achtet. Schließlich ist man nicht
stets gleich gut drauf, es gibt auch Schwächephasen, Falscheinschätzungen, fehlendes Wissen oder
einfach das Bedürfnis, seine Ruhe haben zu wollen u.a.
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Eine co-abhängige Handlung oder kurzzeitige Einstellung passiert einfach. Entscheidend ist, ob es
korrigierbar ist und vereinzelt geschieht.
Co-Abhängigkeit im Krankheitssinn gemeint ist ein verfestigtes Verhaltens- und Gefühlsmuster sowie
geistige Haltung, die analoge Merkmale wie eine stoffliche Suchterkrankung aufweist.
Verbreitet ist oft eine eher lapidare Vorstellung von Co-Abhängigkeit, die irgendwie meint, na da ist
jemand etwas Co. Und das wäre mehr oder weniger leicht änderbar kraft besserer Einsicht. Oftmals ist
damit gemeint, dass jemand sich zuvor co-alkoholisch verhalten hat: also Alkohol besorgen, den
Partner entschuldigen usw.
Vielen Angehörigen gelingt eine solche Abstellung co-alkoholischen Verhaltens recht schnell.
Undifferenziertes Verständnis führt zur Meinung, Co-Alkoholismus und Co-Abhängigkeit seien
synonym und die Co-Abhängigkeit sei mit der Abstellung co-alkoholischen Verhaltens beendet. Das
ist in zweifacher Hinsicht ein Irrtum. Zum einen wird Co-Alkoholismus überhöht dargestellt durch die
Gleichsetzung mit der Suchtform.
Zum anderen wird Co-Abhängigkeit als Suchtform verharmlost, da sie auf das Kontrollverhalten zum
Alkoholiker und seinen Alkoholkonsum reduziert wird. Somit wird Co-Abhängigkeit als ernsthafte
Suchterkrankung oftmals nicht erkannt, da sie eigenständig besteht.
Es ist die Frage, ob an Co-Abhängigkeit erkrankte Personen überhaupt in einer Suchtgruppe
verbleiben, sich zurückziehen oder evtl. gar nicht kommen. Der Gedanke liegt nahe, dass aktiv
Süchtige nicht dazu neigen, regelmäßigen Gruppenanschluß zu halten. Evtl. müsste hier auch speziell
Hilfe angeboten werden.
Welche praktischen Folgen kann ein Verzicht auf den Begriff der Co-Abhängigkeit haben?
Wenn Co-Abhängigkeit als Krankheitsform nicht mehr existiert, entfällt auch der Anspruch auf die
Finanzierung der Genesungsmaßnahmen. Es ist durchaus vorstellbar, dass Kostenträger sich des
Memorandums in dieser Weise bedienen.
Ist diese Überlegung und Konsequenz bei der Erstellung des Memorandums betrachtet worden? Wäre
nicht besser, die Möglichkeiten für die Behandlung von Co-Abhängigkeit auszubauen?
Zum Schluß möchte ich darstellen, welche Grundlagen mich zu dieser Stellungnahme gebracht haben.
Ich bin seit über 25 Jahren trockener Alkoholiker, seit über 19 Jahren rauchfrei und habe sehr viele
Lebensbereiche komplett verändert: beruflich, wohnungsmäßig, familiär, sportlich u.v.m. Heute sage
ich, dass meine Krankheit die Sucht ist und ich in Nüchternheit lebe.
Möglich war das aufgrund meiner Zugehörigkeit zu einer unabhängigen, lokalen Selbsthilfeeinrichtung,
zu deren prinzipieller Grundlage die Einbeziehung der Angehörigen in alle Bereiche der
Einrichtung gehört.
Diese Gruppe existiert seit 1977. Im Laufe der Jahre haben nicht nur über 3500 Alkoholiker hier Hilfe
bekommen, sondern auch ca. 800 Angehörige. In unserer Einrichtung gibt es keine Trennung nach
Betroffenheit, Suchtform, Alter, Geschlecht usw. Angehörige sind in allen Ebenen der
Gruppenbetreuung aktiv tätig, ob Vorstand, Gruppenleiter, Patientenbesucher usw.
Von daher erhalten bei uns auch Angehörige sehr viel von den positiven Seiten, die im Memorandum
aufgezählt sind. Viele von ihnen sprechen davon, dass sie ihre eigene Lebensqualität positiv verändern
konnten durch die Erkenntnisse in der Gruppenarbeit. Zum Glück gibt es bei uns keine monolithische
Meinung über Sucht und Genesung und eine große Offenheit zu neuen Ideen, Gedanken,
wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber auch zu anderen Suchtgruppenmodellen, Organisationsformen,
usw., wodurch wir unsere eigene Geschichte, unsere Gruppenstruktur, unsere Sucht- und
Genesungsauffassungen bewusst vertiefen und stärken können.
Wir können nicht nur auf eine langjährige Arbeit mit Alkoholikern, sondern auch auf eine
umfangreiche Angehörigenarbeit schauen. Daher fand auch das Memorandum zur Angehörigenarbeit
Beachtung, wobei uns intern wie extern damit auseinandersetzen.
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Ich teile nicht die Ansicht, dass das Hauptproblem der Angehörigenarbeit das Suchtprozeßmodell oder
das Thema „Co-Abhängigkeit“ ist. Warum Angehörige oftmals nicht erreichbar sind oder nur
kurzzeitige Unterstützungsversuche machen, hat nach meiner Ansicht hauptsächlich andere Gründe.
Allein unsere Haltung zur Selbstverantwortung, zum Alkohol wie überhaupt zu Drogen ist oft schon
eine fremde Welt für Außenstehende, in die es erst einmal hineinzuwachsen gilt. Wir können den
Menschen keine einfachen, kurzfristigen Erfolge versprechen.
Wir betrachten die Fragen der Verbesserung der Angehörigenarbeit über das Suchtprozeßmodell
hinaus. Schließlich stehen am Beginn der Hilfe für Alkoholiker wie auch Angehörige praktische und
überschaubare Schritte, Empathie und Entlastung.
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Das Problem liegt eher darin, dass viele Angehörige keinen Sinn darin sehen, selbst über einen
längeren Zeitraum in eine Suchtselbsthilfegruppe zu gehen, da der Blick focussiert ist auf eine
Verhaltensänderung des Suchtkranken und auf kurzfristigen Erfolg. Was durchaus verständlich ist und
auch nichts Neues ist.
Wenn hierzu neue Antworten kämen, wären wir sicherlich sehr offen dafür.
Das Modell des Suchtprozeßes kommt eher erst auf längere Sicht zum Tragen, wenn eine gewisse
Genesung eingetreten und ein tieferer Zugang möglich ist. Es dient vor allem der langfristigen
Charakter- und Genesungsarbeit: beim Erkennen der wirklichen Bedürfnisse, den Beziehungen zu
anderen Menschen, zur Arbeit, zur Ernährung u.v.m. Hierbei das Suchtprozeßmodell kontrastieren zu
wollen, wäre wohl bei all denen schwierig, die damit ihre zufriedene Langzeitnüchternheit erfolgreich
erreicht haben und in diesem Genesungsprozeß bewusst arbeiten.
Somit kann man dem Forschungsprojekt des Bundesministeriums für Gesundheit wünschen, hilfreiche
Ergebnisse aufzuzeigen, die die Angehörigenarbeit praktisch wirklich verbessern helfen.
Hierzu eine Liste von Fragen zur Angehörigenarbeit, die sicherlich unvollständig ist:
- Wieviele Angehörige gibt es in der Suchtselbsthilfe? (absolute Zahlen u. prozentual)
- Welche Differenzierungen von Angehörigen gibt es (gendermäßig, Eltern, minderjährige
Kinder, erwachsene Kinder, Geschwister ...)
- Welche Formen der Angehörigenarbeit gibt es in der Suchtkrankenhilfe?
- Hat die Anspruchnahme von Hilfe bei den Angehörigen zugenommen, ist sie gleichgeblieben,
hat sie abgenommen?
- Welche erfolgreichen Modelle gibt es, welche sind weniger erfolgreich?
- Wie verstehen sich Angehörige selbst, wenn sie um Hilfe bitten? (gleichberechtigt,
Aussenseiter, Beobachter, Begleiter ...?
- Wie verstehen sich Angehörige als Gruppenmitglieder in den verschiedenen Phasen ihrer
Gruppenzugehörigkeit?
- Welchen Einfluß haben gesellschaftliche Faktoren?
o Gibt es mehr Singles und Patchwork-Familien
o Flexibilisierung der Arbeitszeiten und der Arbeitsorte
o Individualisierung der Gesellschaft (Aussterben der Stammtische, Vereine usw.
zugunsten individueller Angebote)
o Ist das bei männlichen Partnern traditional geringere Interesse an Angehörigenarbeit
nun auch bei den Frauen angekommen als Teil des Emanzipationsprozeßes?
o Woran liegt die geringere Bereitschaft von Männern, was bräuchten sie, um als
Angehöriger in der Gruppe teilzunehmen?
- Welche Bereitschaft besteht, etwas für sich selbst zu tun bzw. mitzuarbeiten in der Gruppe?
o Welche Gruppen- bzw. Beratungsangebote werden akzeptiert?
o Werden eigene Angehörigengruppen eingerichtet und dann auch genutzt?
- Welche Arten von Hilfen wird erwartet? Welche Hilfen werden tatsächlich genutzt?
- Welche professionellen Hilfen würden akzeptiert (Angehörigenbegleitung, Familientherapie)?
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Ich hoffe, dass meine doch sehr ausführlichen Gedanken zu diesem Thema positiv im
Diskussionsprozeß verwendet werden können.
Mit freundlichen Grüßen
Matthias Mitulla
Bottroper Ring 5
38440 Wolfsburg
Tel: 05361-382373

 
Friedel
Beiträge: 111
Registriert am: 16.01.2015

zuletzt bearbeitet 15.09.2015 | Top

RE: DHS Memorandum "Angehörige in der Selbsthilfe"

#2 von Texi , 21.09.2015 09:05

ein hochinteressanter beitrag, ich hätte einiges dazu zu sagen, kann im moment leider nicht viel schreiben. ich finde es auch total schade, dass auf die beiträge hier so wenig reaktionen kommen, verstehe gar nicht woran das liegt.

lg texi

 
Texi
Beiträge: 89
Registriert am: 20.01.2015


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#3 von Johna874 ( Gast ) , 30.10.2016 02:12

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#4 von Pharme440 ( Gast ) , 30.10.2016 17:15

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Die besondere Rolle von Angehörigen in der Suchtselbsthilfe
Mein Mann trinkt. Wenn Alkohol die Liebe zerstört.

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