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Was ist wichtig auf dem Weg zur Abstinenz?

#1 von Heinrich , 10.01.2016 14:44

Die Entgiftung, der Entzug ist der erste Schritt zu einem Leben ohne Suchtmittel. Je nach Droge dauert diese Entgiftung unterschiedlich lange. Dabei bezeichnet man alles als Droge was missbraucht wird, egal ob Alkohol, Medikamente oder illegale Drogen. Bei Medikamentenabhängigen höre ich als Gruppenleiter immer wieder, der Arzt hat mich abhängig gemacht. Darüber sprechen wir in einem späteren Beitrag.[/b]Aber wie kommt es zu einer Abhängigkeit? Der Volksmund klärt darüber schon lange auf. So sind die Sprüche entstanden: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ „Hast du Kummer mit den deinen, trink dir einen“ „Trink dir erstmal einen, damit du locker wirst“ wenn jemand Probleme hat, das andere Geschlecht anzusprechen. Hier können wir noch weitere Seiten füllen. Wir nutzen die positiven Seiten des Suchtmittels, um mit dem Leben besser zurecht zu kommen. Bei den Illegalen Drogen ist es ähnlich, wir flüchten in eine andere Welt, wir wollen uns das Leben schöner machen ohne etwas dafür zu tun. Das übernimmt ja die Droge für uns. Auch ich wollte es nicht wahr haben, damals habe ich gesagt, ich nehme keine Drogen, ich trinke nur Alkohol wie viele andere Menschen auch.[/b]Ich bin seit 1999 Gruppenleiter beim DRK in Soest, und in dieser Zeit habe ich noch kein Gruppenmitglied gesehen, das gesagt hat, ich will abhängig werden, es ist ein Prozess der oft über Jahre hin schleichend (bis auf Ausnahme einiger Drogen, die innerhalb kürzester Zeit abhängig mache) verläuft. Als erstes merken es die Menschen die um uns sind.Sie spüren wie wir uns verändern, anders werden als wir sonst waren. Und damit sind wir beim Thema.[/b]Wenn wir dauerhaft abstinent oder clean leben wollen müssen wir uns wieder Zurück verändern. Es reicht nicht aus das erste Glas stehen zu lassen, in der Theorie schon, aber in der Praxis ist es zu anstrengend. Will ich dauerhaft abstinent leben muss ich mir darüber klar werden warum ich mein Suchtmittel genommen habe. Das ist leichter gesagt als getan, selbst bei therapeutischer Begleitung in Kliniken benötigt man mehrere Monate, oder länger bis er zu einem Ergebnis kommt. Alleine, zu Hause, im stillen Kämmerlein ist es nur schwer möglich und eine unnötige Quälerei. Aber warum muss ich diesen Grund wissen, wenn ich dauerhaft abstinent leben will, reicht es nicht einfach aus das Suchtmittel außen vor zu lassen?

In die Selbsthilfegruppe kommen immer wieder Menschen, die mehrere Jahre oder Jahrzehnte nicht getrunken haben und dann rückfällig geworden sind. Bei einem Ausflug in einer Gruppe an die Mosel einen Federweißen oder in einer Gemeinschaft beim Pizzaessen ein Glas Rotwein zu trinken kann ja nicht so gefährlich sein!!!!! Dank der großen Konzentration, mit der ich mich beobachte, geht das auch eine Zeitlang gut und wir sind der Meinung: „geht ja doch“!!! Wenn dann aber die Konzentration nachlässt kommt es zum Rückfall. Aber wie geht es dann dauerhaft zufrieden abstinent zu sein? Wenn ich herausgefunden habe wofür ich mein Suchtmittel eingesetzt habe, muss ich nun in den Situationen etwas anderes machen. Bei mir war es die Angst und Unsicherheit wofür ich den Alkohol eingesetzt habe. In diesen Situationen musste ich nun die Angst aushalten denn unterdrücken kann man sie nicht. Ich hatte nun eine Situation die sehr belastend für mich war und mein Suchtgedächnis sagte mir: „ wenn du jetzt etwas trinkst, ist innerhalb von kurzer Zeit dieser Zustand vorbei.“

Es wurde von Mal zu Mal weniger belastend, weil ich es ja gemeistert habe, ich war zufrieden mit mir, daher auch der Begriff „zufriedene Abstinenz“.

So und nun wieder mein Wunsch: Antwortet auf diesen Beitrag, schreibt Eure Gedanken dazu, auch wenn Ihr der Meinung seid, das ist alles dummes Zeug. Ihr werdet sehen, beim Schreiben geht in Eurem Kopf etwas vor. Es gibt doch sicher auch Gäste (ob Betroffene oder Angehörige)die sich dazu Gedanken machen und wenn es nur zwei Sätze sind.
Bis zum nächsten Mal
Heinrich
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zuletzt bearbeitet 10.01.2016 | Top

RE: Was ist wichtig auf dem Weg zur Abstinenz?

#2 von Karin , 10.01.2016 23:03

Hallo Heinrich,

irgenswie gefällt mir das mit dem Zurück verändern nicht. Verändern ja...unbedingt. Aber nicht zurück.

Ich lebe in einer zufriedene Abstinenz. Aber nicht nur weil ich Situationen meistere, die mir früher zu schaffen gemacht haben wie z.B. mein geringes Selbstbewustsein. Dadurch habe ich kaum meine Meinung gesagt und auch nicht vertreten. Zufrieden bin ich weil ich lebe, ohne den Alkohol zu vermissen und ohne das ich meinem alten Leben nachtrauer. Da gehörte der Wein am Tanzabend dazu, das Glas Rotwein zum Weihnachtsessen. Damals auch undenkbar, dass ich Silvester ohne Sekt anstoße. Das gehörte einfach zum Leben dazu. Heute brauch ich das nicht. Zum Teil sind es Rituale, die sich ersetzen lassen und ich gehe zumTanz um zu tanzen. Das Leben ist auch ohne Alkohol schön.
Gruß Karin!

 
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RE: Was ist wichtig auf dem Weg zur Abstinenz?

#3 von Heinrich , 11.01.2016 01:00

Hallo Karin,
mit zurückentwickeln meinte ich, die Probleme des Alltags ohne unser Suchtmittel zu lösen. Denn vor der Sucht hat sich unser Leben ja auch ständig durch unsere Entscheidungen verändert, also eine Bewältigung des Alltags durch Gefühle und Verstand gesteuert.
Viele Grüsse Heinrich

 
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RE: Was ist wichtig auf dem Weg zur Abstinenz?

#4 von Theodor , 17.01.2016 11:47

Na ja, das hört sich an als wäre das einfach,
>>Die Entgiftung, der Entzug ist der erste Schritt zu einem Leben ohne Suchtmittel<<
Ich persönlich, der sich meist eh in manchen Selbsthilfegruppen immer ausgegrenzt gefühlt hatte, sehe das etwas anders. Mit ausgegrenzt meine ich: Wie oft hatte ich in Gruppen gesessen, (muss vielleicht noch dazusagen, dass ich Schwerstabhänig war/bin) und mit mir war der raum voll von Menschen, die teilweise Jahrzehnte Trocken waren, die erzählten das sie jeden Tag vier fünf Gläser Rotwein tranken, da traust du dich nicht von dir zu erzählen, weil du dadurch noch ausgegrenzter würdest.

Ich rede hier von einer Zeit die über fünfzehn Jahre her ist. Die Entgiftung dauerte bei mir, unzählige Einlieferungen in die Landes Nervenklinik Andernach, und noch einigen anderen Einrichtung im Großraum Koblenz. Nicht eine einzige hätte helfen können, weil ich es gar nicht mochte, ich hatte damals so eine fixe Idee im Kopf: Ich werde mich mit meinem einzigen gebliebenem Freund (dem Alkohol) in meinem Zimmer einschließen und einfach mit- und in ihm verdunsten. Gut, einige Einlieferungen hatten einfach den Zweck, wenn mich mal eine meiner Exfreundinnen fand oder ich mich mal auf die Straße wagte, mich am Leben zu erhalten.
Warum erzähle ich das, einfach um aufzuzeigen, dass die Wege zu einer zufriedenen Abstinenz so verschieden, wie die Anzahl der verschiedenen Alkoholiker sind.

Ich habe so viele kennengelernt die nach einer Entgiftung trocken geblieben (oh, das war so schrecklich! Da will ich nie wieder hin!!) sind, teilweise merkte ich das sie das wirklich so meinten und lebten, das hatte ich immer bewundert. Teilweise merkte ich aber auch das sie dermaßen verbittert waren / sind, ja, sie wirklich andere in der Gruppe angriffen „Nur wer ohne Entgiftung, Therapien oder ähnlichen Sachen den Absprung Schaft! Nur der ist wirklich trocken, nur der ist geheilt!“ die meinten das auch „wirklich“ ernst, aber an deren harten Gesichtern, ihrer unzufriedener Art auf den Alkohol zu verzichten merkte ich wie schwer es ihnen viel trocken zu sein. So wollte ich auf keinem Fall werden, dann lieber weitertrinken. Auch Therapien halfen wenig, wenn ich auch von manschen viel mitnahm (ich brauchte 5)

Ich glaube, der Moment, der Zeitpunkt, den ich an keinem Datum festmachen kann, da wo du anfängst die Sachen die Jahrzehnte auf dich einprasselten und doch nichts Bewirkten, bewirken konnten, weil du einfach noch nicht bereit dazu warst, bereit sein konntest. Der Moment wo du anfängst die Sachen zu verinnerlichen die du bis dahin nur nach,-dahingesagt hast, ist der Beginn einer Lebenslangen Freundschaft mit dir selbst.
Das, bei mir war es so, und wenn du nach einer langen suche die Selbsthilfegruppe die zu dir passt gefunden hast (im Stillen und in meinen Gedanken nenne ich sie oft Die Gruppe der Überlebenden) ist bei mir das was mich bei der Stange hält. Es ist, und je länger sie dauert, eine wunderbare Erfahrung an der ich Freude habe und die ich niemals mehr missen möchte.

>>Die Entgiftung, der Entzug ist der erste Schritt zu einem Leben ohne Suchtmittel<<
Eigentlich stimmt das ja wirklich, …nur der Weg eines einzelnen ist danach eben doch so unterschiedlich!
Ich hoffe, dass jeder seine eigene zufriedene Abstinenz findet, auf seine eigene Art und Weise! Es lohnt sich!


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RE: Auf Theos Beitrag

#5 von Heinrich , 17.01.2016 19:20

Hallo Theo,
von einfach kann beim Trocken werden nicht die Rede sein. Ich sage immer ich bin auf dem Zahnfleisch gelaufen und es hat sehr stark geblutet. Dabei meine ich nicht die körperlichen Entzugserscheinungen, sondern was in meinem Inneren vor sich gegangen ist. Ich war dem Tod oft näher als dem Leben und das von der Psyche her, ich habe keine Therapie gemacht weil ich mich geschämt habe ein Alkoholiker zu sein. Diese Zeit will und darf ich nicht vergessen, nach dem Motto so schlimm war es doch nicht. Für mich war es schlimm und ich möchte es nicht noch einmal erleben. Viele die zehn, zwanzig oder mehr Jahre abstinent leben vergessen diese Zeit. Zu dem "kontrollierten Trinken" nur so viel, ich leite die heutige Donnerstagsgruppe in Soest schon seit 1999, davor war ich mehrere Jahre beim Kreuzbund in Lippstadt, in der gesamten Zeit sind mir immer wieder Menschen begegnet, die von sich behaupte haben, sie könnten kontrolliert trinken, heute sind sie alle in der geschlossenen Abteilung oder versuchen ohne Erfolg wieder vom Suchtmittel weg zu kommen.
Es gibt die Ergebnisoffene Beratung, die auch im örtlichem Landeskrankenhaus LWL (Landeskrankenhaus Westfalen-Lippe) in Lippstadt und Warstein durchgeführt wird, dabei bestimmt der Patient (in ambulanter Behandlung) seine Ziele selbst, ob er weniger oder kontrolliert trinken will. Dabei geht der Behandlung aber immer ein Gespräch voraus in dem der Patient von seinen Trinkgewohnheiten erzählt. Zeigt sich bei diesem Gespräch das der Patient die körperliche Abhängigkeit erreicht hat wird ihm geraten eine Therapie zu machen. Es ist ein Weg Menschen mit Konsumproblemen zu erreichen. Landeskrankenhäuser erreichen nach eigenen Angaben unter fünf Prozent der Menschen mit Suchtproblemen.
Und nun wieder zu mir. ich habe im Beitrag geschrieben das meine Frau immer wieder gesagt hat: "Du trinkst zu viel". Ich habe ihr gesagt:" Ich höre auf, aber jetzt kann ich es noch nicht." Ich glaube fest daran, das jeder Abhängige seinen Zeitpunkt braucht, an dem seine Abstinenz-Bemühungen Erfolg haben, bis dahin heißt es Üben. Es spielt später keine Rolle mehr, ob du eine oder mehrere Therapien benötigst um abstinent zu leben, oder ob du allein mit der Selbsthilfegruppe Trocken geworden bist oder hat dich schon mal jemand gefragt wie lange du in die Windeln gemacht hast, das Ergebnis zählt.
Auch wenn ich sonst keine Ratschläge geben, aber vergesst nie wie der Entzug und die Zeit davor war. Führt euch vor Augen was sich seit der Abstinenz in Eurem Leben verbessert hat, schöner geworden ist, das hält mich jedenfalls trocken.
Heinrich

 
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RE: Auf Theos Beitrag

#6 von Karin , 19.01.2016 18:34

Ja...man soll es nicht vergessen. Aber sich auch nicht unter Druck setzten. Nicht nur in der Vergangenheit leben. Ich bin jetzt schon lange trocken. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mit der Zeit das Thema Alkohol in die zweite Reihe rutscht. Weil er nicht mehr Teil meines Lebens ist. Das war ein Lebensabschnitt, aus dem ich gelernt habe.
Heute ist für mich wichtig, das es mir gut geht. Das ich Pläne habe die mich vorwärts bringen.
Ich habe meinem Leben einen neuen Sinn gegeben. Das ist für mich Voraussetzung , damit ich abstinent bleibe. Dazu gehört bei mir auch die ehrenamtliche Arbeit. Das ist doch schon Erinnerung genug. Ich habe das Basteln für mich entdeckt. Hab Spaß an der Gartenarbeit.
Hab eine Tochter und einen Enkel, die mich ab und zu mal brauchen. Wenn es einem gut geht, bringen einem auch kleine Sorgen nicht gleich aus dem Gleichgewicht. Und sollte es doch mal Probleme geben, die mich umhauen wollen, weiß ich wo ich mir Hilfe holen kann.
Das alles verhilft mir viel mehr zu einer stabilen Abstinenz,als die Erinnerungen an eine schlimme Zeit.

LG Karin

 
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RE: Auf Theos Beitrag + Karins Antwort

#7 von stan162 ( Gast ) , 05.08.2016 02:08

Als ich eben las was Karin schrieb (Ja...man soll es nicht vergessen. Aber..... >> .....,als die Erinnerungen an eine schlimme Zeit.) musste ich sofort zustimmen - ja ganz genau so geht es mir auch. Nie konnte mich der Gedanke an den ganzen Scheiss der mir im Laufe der Sucht passierte davon abhalten wieder rückfällig zu werden. Lange hatte ich eher so das Gefühl ich müsse aus Fehlern lernen um so meine Sucht besser managen zu können. Kontrolliert zu konsumieren war noch lange irgendwo ein Ziel und ich wollte es durch verschiedene Verhaltensregeln beim Konsum erreichen. Und das obwohl ich schon "therapiert war" und auf der anderen Seite genau wußte, dass dies nicht funktioniert und ich an irgendeiner Stelle die Regeln mit einer passenden Ausrede brechen werde. Der Gedanke "nie mehr" war nicht zu ertragen und bereitet mir heut noch bei genauerem Nachdenken Schwierigkeiten.
Es half auch nicht, wenn ich versuchte aufzuhören weil mir jemand, der mir was bedeutete ins Gewissen redete und ich mit dem Rücken zur Wand versprechen musste zu entgiften. Auch Druck von der Justiz, also die Aussicht sich demnächst im Knast wieder zu finden war kein Grund aufzuhören. Das hätte ja bedeutet alles mit klarem Kopf ertragen zu müssen, ohne das da was wäre wofür es sich gelohnt hätte. Wie ich es dann trotzdem geschafft habe ist eine Verkettung von glücklichen Umständen. Ich lernte oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtige Person kennen. Was aber nicht bedeutete die Sache wäre mit einer Entgiftung über die Bühne gegangen. Nein es waren zig Entgiftungen nötig und fast jede brachte die Lösung eines Problems mit sich. Für jedes nagende Probleme das ging kam ein bischen mehr Fähigkeit dazu dem Leben positive Inhalte zu geben. Damit das passieren konnte waren die richtigen Begleitumstände von Nöten. Ich kann mich erinnern wie schmal manchmal der Grat war und wie leicht hätte alles wiederholte Male kippen können. So frage ich mich ab und zu, "oh wenn das nicht passiert was wär dann jetzt...?" naja, die Antwort beinhaltet nix Gutes, ja und da habe ich so ein Gefühl von Dankbarkeit.
So war das bei mir und der richtige Weg ist bei jedem anders und daran zu erkennen, das er zum Ziel führt ...
___ Stefan F.

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