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Forum Übersicht - »Intransparenz als Strategie?«

»Intransparenz als Strategie?«

#1 von Theodor , 22.04.2017 05:58

Unter dem Titel »Intransparenz als Strategie?« ist von der DHS eine Pressemitteilung zur Arzneimittelabhängigkeit in Deutschland veröffentlicht worden.

Die DHS schreibt darin unter anderem:

»Arzneimittel sind wichtige Instrumente medizinischer Hilfe, Arzneimittel haben aber neben ihren erwünschten auch immer unerwünschte Wirkungen. Die Arzneimittelabhängigkeit und der Arzneimittelmissbrauch sind dabei besonders problematisch. Diese unerwünschten Wirkungen müssen wie die Alkohol- und Drogenabhängigkeit öffentlich diskutiert werden, es muss Präventionsmaßnahmen geben, die vor allem den Patienten und Verbrauchern nutzen.«

Die DHS weist in diesem Zusammenhang auf die sogenannte 4K-Regel hin:

-Klare Indikation: Verschreibung nur bei klarer vorheriger Indikationsstellung und Aufklärung des Patienten über das bestehende Abhängigkeitspotenzial und mögliche Nebenwirkungen, keine Verschreibungen an Patientinnen und Patienten mit einer Abhängigkeitsanamnese
-Korrekte Dosierung: Verschreibung kleinster Packungsgrößen, indikationsadäquate Dosierung
-Kurze Anwendung: Therapiedauer mit Patientinnen und Patienten vereinbaren, kurzfristige Wiedereinbestellungen, sorgfältige Überprüfung einer Weiterbehandlung
-Kein abruptes Absetzen: Zur Vermeidung von Entzugserscheinungen und Rebound-Phänomenen nur ausschleichend abdosieren

Ausführliche Informationen finden sich in der Pressemeldung der DHS (PDF).


Theodor

 
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RE: »Intransparenz als Strategie?«

#2 von Texi ( Gast ) , 22.04.2017 18:07

Dieses Thema ist sehr wichtig, ich bin selbst betroffen von der leichtfertigen Verordnung von Medikamenten, die ein hohes Abhängigkeitspotential haben. Ich möchte einmal meine Geschichte erzählen, wie ich in diese Falle geriet.
Als Alkoholkranke bin ich besonders gefährdet auch andere Abhängigkeiten zu entwickeln, das habe ich in Therapie und SHG's gelernt und war mir dessen immer bewusst.
Vor 5 Jahren wurde bei mir eine Kniespiegelung mit Meniskusentfernung durchgeführt, nicht erfolgreich. Meine Knieschmerzen wurden immer schlimmer statt besser, der Orthopäde verordnete Schmerzmittel. Ibuprofen in hoher Dosierung über mehrere Wochen. Davon bekam ich ein Magengeschwür und Magenblutungen. Laufen konnte ich kaum noch und wurde ins Krankenhaus gebracht.
Demnächst schreibe ich weiter, ich habe jetzt Besuch.

Texi

Texi

RE: »Intransparenz als Strategie?«

#3 von Texi ( Gast ) , 29.04.2017 22:14

Hier kommt Teil 2 meines Erfahrungsberichtes über Medikamentenabhängigkeit, nach meiner Einlieferung ins Krankenhaus.

Ich war total schwach und bekam Blutkonserven weil ich weitgehend unbemerkt viel Blut verloren hatte. Nach ein paar Tagen konnte ich nicht mehr stehen oder laufen und wurde behandelt wie eine Simulantin, als Alkoholikerin war ich sowieso abgestempelt. Nach dem Motto: die ist ja selbst schuld an ihrer Krankheit, warum hat sie soviel gesoffen. Nach einer Woche war mein ganzer Körper gelähmt und gefühllos, hatte aber Schmerzen in Armen und Beinen. Ich bekam jede Menge Medikamente, außer ständiger Müdigkeit zeigten sie keine Wirkung und ich wurde zur Diagnostik ins nächste Krankenhaus überwiesen. Ich wurde gründlich untersucht, Ohne klaren Befund. Meine Schmerzen wurden immer schlimmer und ich bekam andere Medikamente. Die Schmerzen wurden kaum gelindert, dafür hatte ich Halluzinationen. Was genau passiert ist weiß ich nicht, ich hatte kein Zeitgefühl mehr. In meiner Krankenakte stand: Die Patientin ist renitent.
Es folgte Klinik Nr. 3. Dort musste ich wieder Untersuchungen aller Art über mich ergehen lassen, diesmal wurden die Ärzte fündig. Ich hatte das Guillain-Barré-Syndrom, vereinfacht gesagt eine Erkrankung der kleinen Nerven, besonders in Armen und Beinen.
Tag und Nacht hatte ich heftige Schmerzen und Missempfindungen, die Behandlung mit Lyrica wurde begonnen, eigentlich ein Epilepsiepräparat. Normale Schmerzmittel wirken nicht gegen diese Nervenschmerzen, es wird dann ausprobiert was hilft. Ich wurde nicht aufgeklärt darüber welche Arzneimittel ich bekam, geschweige denn über Neben- und Wechselwirkungen unterrichtet. Bei diesem Medikament wird gewarnt vor der Anwendung wenn eine Abhängigkeitserkrankung besteht. Es kam noch ein Antidepressiva dazu und als bestes (!) Mittel Morphin. Diese Kombination wirkte gut gegen die Schmerzen.
Während einem anschließenden Reha-Aufenthalt musste ich auf die Intensivstation wegen drohendem Nierenversagen weil mir eine Medikamentenkombination gegeben wurde mit gefährlichen Wechselwirkungen. Es waren nämlich mittlerweile noch mehr Medis hinzugekommen. Diese Wechselwirkungen sind im Beipackzettel nachzulesen, als ich wieder daheim war habe ich mich im Internet darüber informiert.
Nach der Reha kam ich als schwerer Pflegefall in ein Heim. Dort war ich über ein Jahr bis ich im Rollstuhl gut zurecht kam und ein wenig laufen konnte. Zum Zeitpunkt der Entlassung nahm ich 8 verschiedene Medikamente, von manchen mehrere täglich, alle unbedingt erforderlich. Morphin war auch dabei, das brauchte ICH mittler-weile unbedingt. Angeblich haben Morphinpräparate als Schmerzmittel kaum Nebenwirkungen und die Entwicklung einer Sucht ist nur körperlich, lt. meinem Neurologen.
Die geistigen Veränderungen erschienen mir nach fast 4-jähriger Einnahme allerdings ziemlich gravierend. Deshalb habe ich es vor einem Jahr abgesetzt, alleine entzogen weil ich vom Neurologen, auf meine Bitte hin, keine Unterstützung erhielt. Nehmen sie jeden Tag eine halbe Tablette weniger, versuchen sie mal ob es ohne geht, sagte er zu mir. Als Ersatz verordnete er mir ein anderes starkes Schmerzmittel. Der Entzug war schlimm und es dauerte 2 Wochen bis ich wieder halbwegs auf den Beinen war. Vor einem Medikamentenentzug alleine zuhause kann ich nur warnen, das werde ich nie wieder tun. Seitdem habe ich wieder mehr Schmerzen, nehme bei starken Beschwerden Schmerztabletten.
Manchmal muss man halt Medikamente einnehmen um "gesund" bzw. beschwerdefrei zu sein, die Nebenwirkungen sind dann in Kauf zu nehmen. Das ist oft die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub.
Allerdings ist die Aufklärung über die Gefahren der Arzneimittel durch Arzt und Apotheker äußerst mangelhaft oder wird heruntergespielt. Leicht gerät man so ohne eigene Schuld in die Spirale der Medikamentenabhängigkeit.

Viele Grüße Texi

Texi

RE: »Intransparenz als Strategie?«

#4 von Friedel , 01.05.2017 10:26

Danke Texi!!! Ist eine traurige Geschichte und ich hoffe, dass recht viele deinen Beitrag lesen, denn wir lernen ja, dass wir auf uns selbst aufpassen müssen. Leider-oder Gott sei Dank ist es ja so, dass wir Medikamente einnehmen müssen oder können, um gesund zu werden oder zu bleiben. Die richtige Medikamentenvergabe vom Arzt ist wichtig und diese sind auch nur Menschen mit Fehlern. Ich bin immer wieder froh, wenn jemand in der Gruppe sitzt und erzählt, dass er neben Alkohol auch Medikamenten eingeworfen hat. Denn oft ist es ja auch so, dass man vom Alk umsteigt auf Medikamente, denn die riecht man nicht und merkt es oft erst, wenn der Zug schon abgefahren ist.
Leider gibt es fast keine reine Medikamentengruppen, denn dies ist noch einmal etwas anderes für die Betroffenen als die Alk-Gruppen. Dies bekomme ich oft zu hören, aber leider findet niemand den Mut, so eine Gruppe zu initiieren. Ich wäre auch bereit, diese zu unterstützen. Denn diese Krankheit ist sowas von schleichend und man braucht oft Jahre in die Sucht zu rutschen - und es ist eine Qual herauszukommen aus dem Kreislauf Sucht.
Aber was erzähle ich dir Texi, du weißt es ja und ich ziehe den Hut vor dir, dass du es in deiner schwierigen gesundheitlichen Lage bis heute geschafft hast!

Mach' weiter so und bleibe uns mit deinen Beiträgen recht lange erhalten, immer wieder super! - und rüttelt auch wach.

Friedel

 
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RE: »Intransparenz als Strategie?«

#5 von Karin , 06.05.2017 06:20

Wow...wieder ein spannendes Thema. Oft denkt man sich gar nichts bei seinem Verhalten. Ich nehme schon lange Medikamente ein und die sind auch nicht gerade niedrig dosiert. Ich vertraue meinem Arzt, bei dem ich jetzt schon ca 20 Jahre in Behandlung bin. Gibt es ein Medikament zusätztlich z.B. nach einem Zusammenbruch, erklärt er mir genau die Wirkung und die Dosierung.
Probleme habe ich immer wieder mit dem Einschlafen. Viele wissen wie es ist, wenn die Gedanken förmlich angerannt kommen. Da bin ich vor Jahren mal auf die Idee gekommen eine Tablettensorte durchzubrechen. Da tritt die Wirkung schneller ein. Ich habe mir da zuerst überhaupt nichts bei gedacht. Schließlich hat der Arzt sie ja verordnet und ich habe an der Menge nichts geändert.
Aber was sich da in meinem Kopf abspielte, ähnelte das nicht sehr dem Verhaltensmuster von früher?
LG Karin

 
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