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Endlich trocken – und wo bleibt die Liebe?

#1 von Theodor , 31.12.2018 06:07

Aus dem Titelthema 6/16 der TrokkenPresse: …trocken. Und wo bleibt die Liebe?


Endlich trocken – und wo bleibt die Liebe?
Zerbrechende Partnerschaften, dramatische Trennungen: Die meisten Alkoholabhängigen werden im Verlaufe ihrer Krankheit damit konfrontiert. Denn Alkohol „löst“ im wahrsten Sinne auch Beziehungen auf … Aber wie beziehungsfähig sind wir Süchtigen dann, wenn wir endlich entgiftet sind und eine Therapie hinter uns haben? Im Kopf wieder klar, das Leben euphorisch neu beginnend, das Herz voller Sehnsucht nach einem Menschen, mit dem wir dies auch teilen können … Sind wir wirklich „reif“ für eine neue Liebe? Welche Chancen birgt sie, welche Gefahren? Die TrokkenPresse hat dazu trockene Alkoholiker nach ihren Erfahrungen befragt, den Suchttherapeuten Thomas Sioda und den Chefarzt der Hartmut-Spittler-Klinik Berlin, Dr. Darius Tabatabai, interviewt.

Sex, drugs and liebestoll! Alki sucht Frau – ein Selbstversuch

„Geduld“, sagt die Selbsthilfegruppe, „Meide Anlässe und Gelegenheiten, bei denen Alkohol konsumiert wird und wird‘ erstmal richtig trocken! Keine neuen Beziehungen im ersten Jahr und schon gar keine abendlichen Balzversuche in einschlägigen Lokalitäten!“

„Vorsicht“, sagt die Erfahrung. Denn am Anfang vom Ende jeder einzelnen meiner Trinkpausen stand eine leidenschaftliche Frauengeschichte. Sex, drugs und regelrecht liebestoll. Das Ganze endete zuverlässig mit einem „Rückfall“, jeder Menge Scherben und schlussendlich immer auf der Entgiftungsstation des nächstgelegenen Krankenhauses.

„Leg‘ endlich los“, sagt nun mein Sponsor. Denn ich lebe als süchtiger Mensch nun mal in einer konsumierenden und weitgreifend „selbst süchtigen“ Gesellschaft und habe die Wahl, mich vor einer echten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu verstecken oder es wirklich in die Hand zu nehmen.

Gewappnet mit diesen Hintergrundinformationen, dem Segen meines Sponsors und mit etwa einem Jahr Trockenheit im Nacken, machte ich mich auf die Suche nach dem verlorenen Leben – und der verlorenen Liebe. Leider hat mein Suchtmittel stets das Gleiche gesagt wie mein Sponsor, und so startete ich, voller Zweifel, einen waghalsigen Selbstversuch mit ungewissem Ausgang. Im Verlauf des Jahres gewann ich tatsächlich an Selbstvertrauen und sollte noch eine Menge wertvoller Erfahrungen sammeln. Die erste dieser zum Teil abenteuerlichen Geschichten, den Sprung ins kalte Wasser sozusagen, habe ich hier aufgeschrieben.

Anfang des Jahres bekam ich das Gefühl, es müsse irgendwas passieren. Ich wollte wieder unter Menschen, runter vom Abstellgleis und endlich zurück ins Leben. Und so begann ich eine Weiterbildung, nährte mein Selbstvertrauen und verknallte mich gleich zu Beginn in ein zartes, blondes Geschöpf mit sympathischem Lächeln und Masterabschluss. Die Dame arbeitete vor Ort, trug ihre blonden Haare offen und bis weit über das wohlgeformte Gesäß hinaus. Und sie ließ bei unserem Aufnahmegespräch ständig ihre Unterlagen fallen, was ich sehr sympathisch fand, weil sie dabei krampfhaft versuchte, einen souveränen Eindruck zu machen. „Das liegt an mir!“, dachte ich und haderte trotzdem, denn ich hatte noch nie vollkommen nüchtern eine Frau angesprochen. Nach drei Tagen bat ich recht unbeholfen und ziemlich unsicher um einen Termin, zwecks näheren Kennenlernens. Das Unglaubliche geschah und sie bejahte, worauf ich vor Schreck erst mal zur kopflosen Flucht ansetzte, den Raum verließ und beinahe hyperventilieren musste. Ich schwebte auf Wolke sieben und schmiedete Heiratspläne. Leider hatte ich in all der Hektik total vergessen, das bevorstehende Date in irgendeiner Form konkret abzusprechen, was mich zwei weitere Tage des Zauderns und Zweifelns kosten sollte. Letztendlich kamen wir überein und verabredeten uns am Ostkreuz.

Und schon ging das Kopfkino los. Was mache ich, wenn Sie was trinken gehen will? Wie fängt man(n), ohne einen im Tee, ein Gespräch mit einer Frau an und hält es am Laufen? Ich kann doch diese Form von „Bewerbungsgespräch“ unmöglich mit dem Satz beginnen: Mein Name ist soundso und ich bin Alkoholiker. Das käme irgendwie einem vorauseilenden Trennungsgesuch gleich. Und was mache ich eigentlich, wenn sie mir Fragen zu meinem bisherigen Leben stellt? Auch das wäre fatal und ganz sicher das sofortige Ende, denn ich hatte ein paar eher weniger erfolgreiche und sehr turbulente Jahre hinter mir und im Vollrausch so manches eingerissen. Keine normale Frau hätte sich das länger als eine Minute angehört.

Bei dieser Gelegenheit wurde mir wieder einmal klar, wie sehr ich in meiner Rolle als Alkoholiker gefangen war. Meine ganze Identität, mein Vokabular und meine potentiellen Gesprächsthemen waren einfach nur süchtig. Und so legte ich mir Ausreden zurecht, führte fiktive Dialoge und fühlte mich plötzlich unwohl. Ich dachte an Abbruch. Um es kurz zu machen: Wir trafen uns, und es regnete in Strömen. Meiner aufrichtigen Befürchtung, sie könne schnurstracks in die nächste Cocktailbar rennen, trat sie mit ihrem Vorschlag, irgendwo ein Eis essen zu gehen, überraschend entgegen. „Warum will sie denn keinen Cocktail mit mir trinken?“, dachte ich mir und war sogar ein bisschen gekränkt. Ich wischte den Gedanken schnell wieder beiseite und auf einmal war ich es, der krampfhaft versuchte, einen souveränen Eindruck zu machen. Wir liefen also durch den nasskalten Regen und suchten nach einer Eisdiele. Nach etwa einer Stunde des erfolglosen Suchens (nach Eis und Themen für‘s Gespräch), landeten wir dann doch in einer Cocktailbar. Da saß ich nun. Mit ‘ner Apfelschorle in der Hand und ‘nem gewaltigen Stock im Arsch, suchte ich verkrampft nach einem Einstieg. Die Getränkebestellung verlief relativ unspektakulär, auch wenn ich meinte, dass sie darauf zu warten schien, was ich bestellte und etwas irritiert auf die Schorle in meiner Hand glotzte. Derweil kam sie nicht mal auf die Idee, mir irgendwelche Fragen zu stellen und spielte ständig mit Ihrem Handy herum. Jetzt bestellte auch sie endlich – einen alkoholfreien Cocktail. Ich fand, es lief ganz gut für mich. Irgendwie.

Wir begannen ein oberflächliches und humorloses Gespräch über ihren Ex-Freund. Das war ein potentielles Minenfeld, denn meine letzten drei Beziehungen scheiterten allesamt an den Folgen meines Alkoholkonsums. Doch noch immer keine Fragen von ihr. Dafür legte sie jetzt richtig los. Vor mir saß eine Masterabsolventin, eine „Intellektuelle“, die Stein und Bein darauf schwor, dass es nichts auf der Welt gäbe, was unterhaltender wäre als „Big Brother“. In der Folge wurde es immer schlimmer und sie lobte das gesamte Grusel-Programm von RTL2 rauf und runter! Doch damit nicht genug: Ihre Vorstellungen von einem gelungenen Leben, das ganze konforme, nachgeplapperte und meinungslose Geschwafel, wurden mir schnell unerträglich. Vielleicht, weil sie ihr Leben im Griff hatte und ich nicht. Vielleicht auch, weil ich mich auf meinem Weg in die Trockenheit doch sehr verändert hatte. Man müsse schließlich sein Potential entfalten, trällerte sie, und etwas Richtiges aus sich machen. So gesehen konnte ich gar nichts Richtiges sein.

Ich fand einfach keinen Einstieg in ihre Themen und begann fataler Weise nun doch, von mir und meinem Leben zu erzählen. Ich deutete die Katastrophen der Vergangenheit und meinen Dachschaden an und sparte dabei den Alkoholismus aus, was das Ganze nur schlimmer erscheinen ließ. Aber sie hatte entweder nicht zugehört oder ein gewaltiges Brett vor dem Kopf. Und während sie, parallel zu unserem Date, die aktuellen „Wisch und Weg“-Angebote auf Tinder checkte, mit ihren „Fakebook“-Freunden chattete und ihren Ex verfluchte, fragte ich mich wiederholt, ob denn nun ein Cocktail dieses Desaster nicht doch in irgendeiner Weise abschwächen oder erträglicher machen konnte. Konnte dieser eine Drink mir wirklich schaden?

Das war jetzt wirklich gefährlich und mir wohlbekannt. So kam ich zu der erschütternden Erkenntnis, dass ich mich ohne das erste Glas scheinbar einfach nicht locker machen konnte. Und vielleicht auch deshalb konnte sie, zumindest in meiner individuellen Wahrnehmung, einfach nicht damit aufhören, dämlich zu sein. Plötzlich „durfte“ ich wieder nichts trinken. Früher jedenfalls, hätte ich mir so eine ganz einfach schön, bzw. schlau gesoffen, sagte ich mir. Mit einem im Cocktail in der Hand, hätte ich mich skrupellos als eingefleischter Big Brother-Fan geoutet, Dieter Bohlen und von mir aus auch Helene Fischer zitiert und wäre erfahrungsgemäß zum Zuge gekommen! Denn sie war wirklich schön …Und da war es schon wieder: Das Gefühl des Verlustes. Hier saßen wir nun: Ein bekloppter Alki und eine smartphonesüchtige, optische Mogelpackung. Und beide wollten nach Hause. Ich schwor mir, dass ich künftig noch genauer hinsehen und nachfühlen würde!

Im Verlauf des Jahres folgten noch einige weitere dieser krampfhaften Trockenübungen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich, aber immer trocken. Und mit jedem Mal gewann ich mehr Selbstvertrauen. Sicher hatte ich bei all dem auch Glück, aber zumindest in einem Punkt lag mein Sponsor richtig: Ich hatte mich dem Leben gestellt und es hatte sich tatsächlich etwas bewegt. Ich konnte wertvolle Erfahrungen sammeln und fühle mich heute bei meinen Dates, auch ohne das soziale Schmiermittel Nummer eins in der Hand, nicht mehr ganz so unsicher. Und schlussendlich durfte ich auch feststellen, dass ich mit meinem Junggesellendasein gar nicht sooo unzufrieden bin.


„Es ist erlaubt, Single zu sein“
Interview mit Suchttherapeut Thomas Sioda (Suchtberatungsstelle Berlin-Hohenschönhausen, Gemeinschaftsprojekt von Gesundheitsamt und Stiftung SPI)

Sie begleiten Suchtkranke u.a.in Nachsorgegruppen und Einzelgesprächen. Wie ist ihre Erfahrung: Wie wichtig ist das Thema, neue Beziehung finden‘ nach der Therapie?

Thomas Sioda: Der Wunsch nach Partnerschaft ist auf jeden Fall da, das wird in vielen Gesprächen deutlich. Jeder Mensch hat Sehnsucht nach einer Beziehung, wenn er alleine ist. Viele Alkoholkranke haben ja Trennungen hinter sich durch den Alkoholkonsum. Andere wiederum konzentrieren sich nach der Therapie eher darauf, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Wiederum andere bringen sich gleich einen neuen Partner aus der Therapie mit.

Ist es nicht zu früh, gleich während oder nach der Entwöhnung eine neue Beziehung zu suchen?

Es gibt kein Pauschalrezept. Jeder ist an einem anderen Punkt. Durch eine Therapie beginnt ein Prozess, der bei jedem anders verläuft. Für viele scheint es aber ein Makel zu sein, Single zu sein. Und manche denken: Lieber eine schlechte Beziehung als gar keine Beziehung. Bei anderen besteht die Gefahr, sich wieder gleiche frühere Beziehungsmuster zu suchen, Beziehungen, in denen sie abhängig sind oder wieder Gewalt erfahren werden.

Wir hinterfragen das hier bei uns genauer, statt Ratschläge zu geben, es ist immer eine individuelle Sache. Und wir empfehlen auch, nicht in die Klinik zur Therapie zu gehen, um dort einen Partner kennenzulernen …

Weshalb wird das in Kliniken nicht gerne gesehen, dass man sich da verliebt?

Herzchen in den Augen könnten zwar die Therapie beflügeln – aber auch ablenken vom Behandlungsziel. Mein Rat: Kontakte aufbauen, ja – aber die Beziehung, wenn möglich, erst nach der Therapie beginnen, langsam aufbauen, unter dem Motto „Alles zu seiner Zeit“.

Es heißt, dass Entwöhnte im ersten Jahr nur Verantwortung für eine Pflanze übernehmen sollen, im zweiten dann für ein Haustier, und erst im dritten Jahr danach für einen Menschen …

Das ist mir so nicht bekannt. Aber der Kern ist wohl: Zuerst einmal Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Lernen, nicht immer nur für andere da sein zu wollen, wie Suchtkranke das so oft tun. Und wenn, dann – man kann sich ja nicht aussuchen, wann man sich verliebt – es langsam angehen, man muss ja nicht gleich zusammen ziehen und heiraten. Eine Beziehung kann man ja auch langsam wachsen lassen, man kann sich langsam annähern.

Man sollte sich immer fragen und ehrlich dabei sein: Bin ich innerlich schon so weit? Denn man muss schon stark sein für eine Beziehung, sie kostet Zeit und Energie, nach der ersten Verliebtheit kommen meist Konflikte, Streitigkeiten. Damit muss man umgehen können – und es sollte sich jeder hinterfragen, ob er das dann schon kann, nach nur ein paar Monaten Therapie.

Ihr Rat für Beziehungssuchende?
Unsere Empfehlung ist immer, nicht zwanghaft zu sein, nicht zu sehr nach einer Beziehung zu suchen. Partnerschaft ist ja nicht alles im Leben. Es ist erlaubt, Single zu sein. Sie sollten sich immer ehrlich befragen: Hängt für mich wirklich das ganze Lebensglück von einer Beziehung ab? Oder welche Ziele habe ich nach der Therapie überhaupt? Beruflich zum Beispiel? Oder wollen Sie doch überhaupt erst einmal grundlegend das Leben wieder konsolidieren, wieder an Selbstbewusstsein gewinnen, Selbstwert wieder aufbauen?

Ich rate dazu: Alles zu seiner Zeit, eins nach dem anderen. Was Priorität hat, muss sich jeder selber beantworten.

Welche Chancen haben Paare, die sich als trockene kennenlernen?

Wir führen da keine Statistik. Es ist wie mit jeder andere Partnerschaft auch, ich denke nicht, dass man schlechtere Chancen hat, wenn man abhängig ist. Wichtig ist, wie man die Beziehung gestaltet, wie gut man seine Bedürfnisse ausspricht. Mein Rat an trockene Paare:

Klare Regeln finden, solche wie zum Beispiel: ,Familienfeiern – bei uns gibt es keinen Alkohol, das wäre eine Riesengefahr‘. Oder: ,Gäste bekommen ein Glas Sekt, mehr nicht, das macht uns beiden nichts aus‘.

Welche Vorteile hat eine Beziehung zwischen Trockenen? Welche Gefahren birgt sie?

Es kann nur von Vorteil sein, wenn man sich outet und outen kann, wenn die Krankheit kein Tabu ist. Wenn beide abhängig sind, scheint es einfacher zu sein, als wenn der Partner daheim trinkt. Es ist leichter, Regeln aufzustellen wie zum Beispiel „kein Alk zuhause“. Gefahr besteht, wenn man nicht kommuniziert und keine klaren Absprachen trifft. Und wenn ein Rückfall auftritt, dass man sich dann gegenseitig runterreißt bis hin zu sehr dramatischen Situationen.

Beispiele: Wir haben ein Paar aus der Nachsorge, das inzwischen sogar geheiratet hat. Und wir haben auch ein Paar, da ist einer rückfällig geworden und an den Folgen verstorben. Das sind Extreme und dazwischen gibt es alles, ist alles möglich.

Das erste Date – sollte man sich gleich outen?

Wozu beim ersten schon? Es ist natürlich von der Situation abhängig. Aber den jeweiligen Menschen macht doch mehr aus als nur der frühere Alkoholkonsum, das ist doch nicht die Haupteigenschaft eines süchtigen Menschen. Es geht doch um gegenseitige Sympathie. Man kann sich ja erstmal in einem Café treffen zum Beispiel, nicht in einer Bar. Es erstmal abchecken und sagen, dass man keinen Alkohol trinkt. Und dann sieht man weiter, ob Nachfragen kommen.

Gar nicht davon reden geht nicht auf Dauer, der Moment kommt ja früher oder später …

Also: so offen wie möglich sein, aber man muss sich nicht gleich outen.

Das Interview führte Anja Wilhelm

Pairing/Paarbildung in der Entwöhnungstherapie: Chancen und Risiken neuer Beziehungen
Entwöhnungstherapien finden in einer sehr schwierigen Behandlungsphase statt. Nach der in den meisten Fällen erfolgten Entzugsbehandlung ist der Körper frei von akuten Entzugssymptomen, die Seele reagiert auf das Fehlen des zuvor konsumierten Stoffes jedoch noch sehr unwillig. Bis hin zum Gefühl, sich in einer fortgesetzten Notsituation zu befinden. Ein Teil der Betroffenen empfindet aber auch eine Art von Aufbruchsstimmung, ist beseelt vom Wunsch auf Veränderung und Wiedergutmachungsaspekten. Kliniken versuchen den Menschen in dieser Zeit einen Halt zu geben und den Weg zurück in die menschliche Beziehung zu finden. Die „Lockrufe“ des Stoffes bilden dabei eine Art Soundtrack im Hintergrund, der mal lauter, mal leise zu hören ist. Welche Rolle spielt das Aufkeimen von Liebesbeziehungen unter Therapieteilnehmern in dieser Phase der Behandlung? Zunächst ist es schwierig, Zahlen zu gewinnen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist in der Theorie der Psychotherapie umfangreich, epidemiologisches Material ist jedoch rar. Begriffe wie der „Kurschatten“ signalisieren jedoch, dass es sich nicht um vereinzelte Phänomene handelt, sondern Pairing zum Alltag in der Entwöhnungstherapie gehört und die Kliniken zu einer transparenten Grundhaltung zwingt.

Anhand der in den letzten 10 Jahren erfolgten Veränderungen im Umgang mit Pairing in der Hartmut-Spittler-Fachklinik für Entwöhnung lässt sich eine solche Grundhaltung bespielhaft skizzieren:

Das Pairing galt und gilt als Risikofaktor für eine erfolgreiche Therapie.

Auf das „warum“ gibt es eine ganz einfache Antwort, die jeder Mensch kennt, der schon einmal verliebt war und sich erinnert oder gar aktuell erlebt, wie sich dieser Zustand anfühlt: Das Verliebtsein kann etwas Rauschhaftes haben, der Alltag ist verzaubert, Banales bekommt eine völlig neue Bedeutung und von außen betrachtet wirken manche Menschen in diesem Zustand „nicht ganz zurechnungsfähig“ in einem ganz zugewandten Sinne … geschieht dies während einer Therapie, kann deren Verlauf dadurch natürlich beeinträchtigt werden, weil das Aufmerksamkeitsvermögen eingeschränkt ist, bzw. ganz fokussiert ist auf das „neue Objekt der Begierde“.

In psychoanalytisch orientierten ambulanten Settings wird das Sich-Verlieben während der Therapie mitunter als Widerstand (ein unbewusster Vorgang) gegen den therapeutischen Prozess gedeutet und kann zum Gegenstand zahlreicher Sitzungen werden. Auch in stationären Settings analytisch orientierter Entwöhnungstherapie wird das Pairing häufig als Widerstand gegen die Therapie eingeordnet. Die Antworten darauf in der Vergangenheit und heute können jedoch sehr unterschiedlich ausfallen.

Wurden vor zehn Jahren „neue Paare“ in der Hartmut-Spittler-Klinik identifiziert, wurde mit diesen über diese Situation gesprochen und meist eine getrennte Weiterbehandlung empfohlen, damit die Therapie eben ohne „die neue emotionale Schwankung“ fortgesetzt werden konnte. Gute Kontakte zur Fontane-Klinik ermöglichten einen recht unkomplizierten Wechsel zwischen den Kliniken.

Auch heute kann diese Vorgehensweise erforderlich sein, sie findet aber nur noch in seltenen Fällen statt. Auch hier stellt sich die Frage „Warum?“. Die Antwort darauf fußt auf der Erfahrung, dass die recht rigide anmutende drohende „Trennung“ der neuen Paare dazu führte, dass diese Paare viel daran setzten, dass ihr neues Glück nicht bemerkt wirkt, sie es in aller Heimlichkeit kultivierten. Der dabei von außen erlebte Druck stilisierte die Beziehung nicht selten künstlich hoch und das Paar hegte Assoziationen an „Romeo und Julia“ oder „West-Side-Story“. Trennungen erfuhren dann nur die Paare, „die so ungeschickt waren, sich erwischen zu lassen“. Die Situation hatte einen weiteren doppelten Boden, denn auch Therapeuten ahnten von Beziehungen, „aber so lange es keinen Beweis gibt“, sahen sie auch keinen Handlungszwang und umgingen auf diese Weise unbequeme Gespräche. Erstaunlicherweise hielt sich diese Praxis lange Jahre und wurde erst um 2010 systematisch hinterfragt, weil das „Abtauchen“ der neuen Paare doch immer offensichtlicher wurde und der doppelte Boden auch im Sinne des psychotherapeutischen Qualitätsmanagements bearbeitet werden sollte.

In dieser Auseinandersetzung wurde spürbar, dass der bisherige Umgang mit den Paarbildungen nicht nur in die Heimlichkeit führte, sondern auch eine moralische Implikation besaß, die für die therapeutische Zusammenarbeit eher einen destruktiven Charakter entwickelte. Das immer wieder anzutreffende Bestrafungsbedürfnis von Rehabilitanden (aufgrund von Schuldgefühlen bsw. gegenüber der Familie) traf manchmal auf unreflektierte sadistische Impulse der Behandler (aufgrund der typischen Enttäuschungen im Verlauf der Behandlung beispielsweise durch Regelverstöße oder Rückfälle). Diese von Agnes Ebi im Aufsatz „der ungeliebte Suchtpatient“ beschriebenen Prozesse sind vielen Suchttherapeuten vertraut, was aber nicht davor schützt, dass sie dennoch wirksam werden.

In einer kritischen Reflexionsphase in zahlreichen Teamsitzungen und Fortbildungseinheiten wurde in der Folge der Umgang mit dem Pairing veränderten Regeln unterworfen:

Das Pairing wurde unverändert als ein Phänomen eingeordnet, das Therapieprozesse gefährden kann, aber auch Ausdruck von nichtstoffgebundener Libido sein kann, was als Ressource zu verstehen wäre. Ein offener Umgang mit der veränderten Situation wird angestrebt, bei dem das „Offenlegen“ der Beziehungen und Vereinbarungen zum weiteren Therapieverlauf mit den beiden Bezugstherapeuten zum Standard gehören. Die Beziehung wird von den Bezugstherapeuten wertfrei und empathisch angesprochen, gleichzeitig aber auch einer Risikobewertung (ein technischer Begriff, der mit empathischer Grundhaltung unterlegt sein muss) unterzogen. Den Paaren werden dabei Vorschläge gemacht, wie sie einen sicheren Therapieverlauf beibehalten. Dies beinhaltet konkrete Schritte, wie den getrennten Besuch von Selbsthilfegruppen oder das Beachten von Verhaltensnormen innerhalb der therapeutischen Gemeinschaft (Rücksichtnahme auf Mitrehabilitanden orientiert an Normen aus dem Arbeitsleben). In der Praxis sind dies häufig sehr anstrengende aber auch fruchtbare Prozesse. Auf der „Therapiebühne“ bilden sich immer wieder die Grundschwierigkeiten der Rehabilitanden ab und dies gilt auch für die neue „Beziehungsbühne“. An einem Beispiel soll dies verdeutlichet werden:

Beispiel: Frau XX und Herr XY verlieben sich

Frau XX beginnt die Entwöhnungstherapie und wird der Gruppe 5, einer reinen Frauengruppe zugeordnet, weil sie bereits aus ihrer Ursprungsfamilie heraus wiederholt Gewalt durch den Vater erlitten hatte. Dieser hatte neben ihr auch die Mutter und die Geschwister regelmäßig alkoholisiert geschlagen. Die Mutter war nicht in Stande, sich und die Kinder zu schützen, so dass diese Situation über viele Jahre fortbestand und von Frau XX als quasi selbstverständlich erlebt wurde. Sie empfand immer wieder Hassgefühle gegenüber dem Vater, es irritierte sie aber auch, wie sehr sie ihn dennoch liebte. Auch der bagatellisierte sexuelle Übergriff eines Freundes des Vaters, als sie im Alter von 13 Jahren war, veränderte dies nicht wesentlich. Im Erwachsenenalter entwickelte Frau XX eine Präferenz für gleichsam gewalttätige und konsumierende Partner. Vom Vater ihrer Kinder trennte sie sich schließlich nach acht Jahren Ehe, nachdem sie zum dritten Mal von ihm so schwer verletzt wurde, dass sie mit einer Feuerwehr in ein Krankenhaus gebracht wurde. Im Verlauf der Entwöhnungstherapie verliebt sich Frau XX nun erneut in einen Mann mit Gewalterfahrungen: Herr XY wurde vor sechs Monaten aus einer zweijährigen Haft wegen Körperverletzung entlassen und ist danach erneut mit einem Gewaltdelikt unter Alkoholeinfluss aufgefallen. Vom Gericht wurde eine Therapieauflage verhängt und Herr XY signalisiert Veränderungswünsche, ist sich aber unsicher, ob er Abstinenz ein Leben lang aufrechterhalten möchte. Herr XY stammte aus einem Elternhaus, in dem der Vater ebenfalls regelmäßig Gewalt gegenüber den Kindern und der Ehefrau ausübte, meist unter dem Einfluss von Alkohol. In Gesprächen über den Vater nimmt Herr XY diesen in Schutz: „Hat sich den Arsch aufgerissen für uns, es fehlte uns an nichts, er war nur manchmal überfordert und wir waren auch wild, da musste er zuschlagen!“

Frau XX und Herr XY verbringen viel Zeit miteinander und sitzen in vielen Veranstaltungen nebeneinander, so dass die Bezugstherapeuten sie fragen, ob sie eine Beziehung eingegangen sind, was beide nach anfänglichem Zögern dann einräumen. Bei den darauf regelmäßig stattfindenden „4er Gesprächen“ mit den Bezugstherapeuten (ein klassisches Instrument beim Pairing in der Klinik) kann ansatzweise das Muster der Beziehungsaufnahme (Wiederholungsaspekt) bewusst gemacht werden unter der Vermeidung der (von beiden befürchteten) Entwertung der Beziehung. Nach fünf Wochen nehmen beide wieder Abstand voneinander, weil sie sehr unterschiedliche Erwartungen aneinander feststellten und der akute Rauschzustand des Verliebtseins bereits wieder „verflogen“ war. Frau XX wird in diesem Zusammenhang an einem Abend rückfällig, setzt aber nach kurzer Detoxikation die Therapie fort und berichtet in der Rückfallbearbeitung von Enttäuschung, aber auch Schuldgefühlen nach der Trennung. Deutlich schambesetzt berichtet sie, dass es zwischen den beiden zu heftigen verbalen Auseinandersetzungen mit Gewaltandrohungen von beiden gekommen war.

Dieses Beispiel skizziert die Gratwanderung zwischen Chancen und Risiken des offenen Umgangs mit dem Pairing während der Therapie anhand eines Falles, in dem missglückende Bewältigungsmuster und „süchtige“ Beziehungsgestaltung identifizierbar werden und korrigierende Erfahrungen gemacht werden können.

Auf der anderen Seite gibt es auch Beispiele für die Entwicklung tragfähiger Beziehungen, die aus dem Pairing während der Therapie erwachsen. Bei den Ehemaligentreffen zeigen sich immer wieder Paare, die sich während der Therapie kennenlernten und nun recht offen über ihre Situation Auskunft geben, wenn sie von aktuellen Rehabilitanden dazu befragt werden. In diesen Statements findet es immer wieder Betonung, dass die gemeinsame Erfahrung mit der Erkrankung in vielen Lebenssituationen sehr hilfreich ist. Ein Standpunkt, der auch aus der therapeutischen Perspektive nachvollziehbar ist.

Fazit zum veränderten Umgang mit Pairing während der Entwöhnungstherapie:

Ein nicht kleiner Teil der Rehabilitanden weist eine Biographie auf, in der die Gestaltung der Beziehung durch die Elternteile von zahleichen Defiziten und Ausfällen geprägt ist. Dennoch verfügen alle Menschen über Ressourcen, mit denen sie das Leben zumindest in Teilen auch erfolgreich gestalten konnten. Die Entwöhnungstherapie bietet eine Bühne für Ressourcen und Defizite gleichermaßen. Bezogen auf das Pairing bietet der offene Umgang die Chance, Ressourcen weiterzuentwickeln und bestehende Risiken identifizierbar zu machen. Zur Risikobewertung gehören unter vielen anderen folgende Aspekte:

1. das Erkennen der „Verwandtschaft der Rauschzustände“,
2. die Identifizierung der Wiederholung von Beziehungsmustern, die einen schädigenden Charakter haben,
3. die Beziehung dient nicht allein der Rückfallprophylaxe und genügt auch nicht als solche,
4. bei der Übernahme von Verantwortung für einander sollte die Dosis strikt beachtet werden und eine Unabhängigkeit der „Nachsorgesysteme“ bestehen, damit die Beziehung unter äußerem Druck nicht wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Im Endeffekt gelten dann Regeln, die wir Menschen ohnehin in der Gestaltung von Beziehungen konstruktiv an den Tag legen sollten – die einzuhalten uns bei näherer Betrachtung aber auch immer wieder schwer fällt.
Therapeuten haben im Rahmen dieser Prozesse einzuschätzen, ob die Paarbildung konstruktiv gestaltet wird oder ob destruktive Entwicklungen (zum Beispiel Gewaltaspekte) überwiegen. In letzteren Fällen muss dann auf therapeutischer Seite die Entschlossenheit bestehen, einzugreifen um Schäden für Rehabilitanden abzuwenden. Wie in der Vergangenheit kann es dann auch wieder zur Indikationsstellung für getrennte Therapieorte kommen, orientiert an dem Grundsatz: wir müssen die richtige Therapiemaßnahme für die richtigen Rehabilitanden finden!

Dr. Darius Chahmoradi Tabatabai, MBA

Chefarzt Hartmut-Spittler-Fachklinik , Berlin


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