Alternativen zu Selbsthilfegruppen

#1 von S.E. , 27.05.2019 09:27

Hallo zusammen,

ich möchte mich erst einmal kurz vorstellen. Ich bin Sandra, 31 Jahre, 2 Kinder. Ich lebe gerade in Trennung einer 10jährigen Beziehung.
Seit etwa 4 Jahren hat sich mein Alkoholkonsum drastisch erhöht. Ursache dafür könnte vermehrter Stress auf Arbeit und in meiner (Noch-) Ehe sein. Ich trinke täglich so viel, dass ich mich an den vorherigen Abend kaum bis gar nicht erinnern kann. Seit einiger Zeit habe ich einen neuen Partner gefunden, der mich auf meinen übermäßigen Alkoholkonsum ansprach und mich vor 3 Monaten bat, diesen zu reduzieren bzw. aufzuhören zu trinken. Es ging einige Tage lang gut, bis ich wieder anfing zu trinken. Die Gründe dafür kann ich gar nicht sagen. Das ging wie gesagt 3 Monate so. Mittlerweile hat er sich von mir abgewandt. Das war ein Zeichen für mich, etwas zu ändern. Er meinte, ich solle mir professionelle Hilfe suchen, sonst funktioniert unsere Beziehung nicht.
Ich bin jetzt kein Mensch, der sich ganz offen Vis á vis anderen Menschen anvertraut (das liegt nicht an dem Alkohol, das war ich einfach noch nie). Selbsthilfegruppen sind absolut nicht mein Fall, also suchte ich nach Alternativen. Ich habe von einem Alkohol-Tagebuch gelesen und dieses angefangen. Es ist nicht so, dass ich Entzugserscheinungen habe, wenn ich nichts trinke. Ich fange nicht an zu zittern oder unruhig zu werden, wenn ich keinen Alkohol trinke. Ich habe bisher seit 3 Tagen keinen Alkohol getrunken und weiß, ich schaffe auch noch weitere. Ich gestehe mir ein, dass ich ein Alkoholproblem habe, allerdings ist es (noch) keine extreme Sucht. Wenn ich trinke, höre ich nicht mehr auf. Da kann es schon mal vorkommen, dass ich ohne weiteres 3 und mehr Flaschen Sekt an einem Abend trinke. Ich trinke auch ab und an schon morgens. Das beschränkt sich aber von der Menge her auf vielleicht ne halbe Flasche Sekt.
Gerade im Moment bin ich dabei, mein Umfeld zu ändern. Ich habe meinen Job, der viel zu dem Alkoholproblem beigetragen hat, gekündigt und einen neue Stelle gefunden. Ich werde mich jetzt auch räumlich von meinen (Noch-) Mann, der ebenfalls sehr viel trinkt, trennen, um einfach diesen täglichen Kontakt mit Alkohol zu vermeiden.
Wenn ich die Webseiten der Beratungsstellen hier in der Gegend durch sehe, klingt das immer so sehr nach "Extrem-Fällen". Entzug etc. sind keine Dinge, die bei mir notwendig sind. Gibt es hier in dem Forum jemanden, der es ohne eine Beratungsstelle, also ausschließlich via Forum oder ähnliches, geschafft hat, sein Alkoholproblem in den Griff zu bekommen? Haltet ihr so etwas für denkbar? Mein neuer Partner ist wenig begeistert von der Idee. Er meint, ohne professionelle direkte Hilfe, funktioniert das nicht.
Ich bin gespannt auf Erfahrungsberichte.

LG und einen schönen Montag zusammen

 
S.E.
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RE: Alternativen zu Selbsthilfegruppen

#2 von Theodor , 27.05.2019 20:40

Hallo Sandra,
„Haltet ihr sowas für denkbar?“ Puh, das ist eine schwierige Frage!
Im ersten Moment dachte ich gleich nein, dann sagte ich mir warum eigentlich nicht, ich darf nicht immer von mir selbst ausgehen!

Aber erstmal Willkommen in unserem Forum, ich bin der Theodor,56 Jahre und Alkoholiker (seit 8 Jahren trocken). Ich trank, besser gesagt ich soff seit meinem 14 Lebensjahr und hatte es umsonst versucht, über Jahre hinweg, selbst aus der Sucht loszukommen. Ich meinte immer das ich es selbst schaffen würde, schließlich war ich ja kein Alkoholiker im herkömmlichen Sinne. Ich hatte keine Entzugserscheinungen (wie denn auch, hatte ja ständig einen im Tee) und überhaupt, Alkoholiker das waren immer die Anderen, die Penner auf der Parkbank, die Asozialen, aber doch nicht ich. Erst recht von professioneller Hilfe wollte ich nichts wissen, wie gesagt: ich bin ja schließlich kein Alkoholiker! Erst nachdem ich alles versoffen hatte, Haus, Ehe, Kinder, suchte ich Hilfe im Professionellem Bereich. Ich hatte Glück mit meiner Therapeutin, (es ist ja auch verdammt schwer jemanden zu finden dem man vertrauen kann und wo die Chemie stimmt) ich hatte bestimmt sechs Anläufe gebraucht bis ich sie gefunden hatte. Ich fand es gut diesen Kampf nicht mehr allein durchstehen zu müssen und sie überredete mich zu meiner ersten Therapie, das war 1998, zu gehen.
Was folgte wurde erneut ein schwerer Kampf der über zehn Jahre, sechs Therapien und unzählige Entgiftungen ging. Dennoch war es auch eine wichtige Zeit in meinem Leben! Hier kam ich auch zum ersten mal mit Selbsthilfegruppen in Kontakt und damit konnte ich nun mal überhaupt nichts anfangen! Was waren das für Menschen? Wiederum brauchte ich viele Anläufe um überhaupt eine Gruppe zu finden, probierte diese und jene aus, bis ich dann endlich eine gefunden hatte wo einfach alles stimmte. Und das war meine Rettung, hier saßen die wirklichen Profis, Menschen wie du und ich und doch so ganz anders! Hier saß der Doktor neben dem Arbeiter usw. Alkoholiker, oder anders abhängige, wie ich. Hier konnte ich schreien, weinen, reden oder einfach nur zuhören und alle konnten das verstehen, weil sie ähnliches erlebt hatten. Ich bin durch und mit meiner Gruppe endlich abstinent geworden und noch heute ist sie meine Lebensversicherung!

Nun zu deiner Frage, grade in der Selbsthilfe habe ich viele Menschen getroffen, die es ohne Professionelle Hilfe geschaft haben trocken zu werden. Sie alle würden dir aber sagen dass es ohne Gruppe nicht geht. Warst du mal in einer? Ich meine, du hast eingesehen das du ein Problem hast, das ist schon mehr als ich bei anderen gesehen habe! Du hast einen Freund, der dich aufmerksam gemacht hat, dich somit bestimmt auch unterstützen würde. Hat es dir nicht gut getan einfach mal so etwas ins Forum zu schreiben? Warum willst du das alles mit dir alleine ausmachen?
Geteiltes Leid ist halbes Leid!!!
Jeder von uns muss seinen eigenen Weg finden, bei mir ist es eben die Selbsthilfegruppe. Egal welchen Weg du auch gehst, Alkohol Tagebuch schreiben ist sicherlich auch eine gute Idee sich mit dem Alkohol auseinander zu setzen, ich wünsche dir das du den richtigen findest!
LG Theodor
P.S.
mich würde es auch sehr interessieren, ob noch jemand eine Meinung dazu hat.


Theodor

 
Theodor
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RE: Alternativen zu Selbsthilfegruppen

#3 von S.E. , 28.05.2019 08:03

Hallo Theodor,

vielen Dank für deine beeindruckende Geschichte!

In einer Gruppe war ich noch nicht. Ich bin, wie gesagt, nicht der Kontaktmensch. Mein Freundeskreis beschränkt sich schon seit Kindesalter vielleicht auf eine Handvoll Menschen.
In das Forum zu schreiben hat wirklich gut getan, allerdings ist das wieder eine andere Schiene, als dieses Eye-to-Eye-Ding. Sobald ich was getrunken habe, bin ich in der Beziehung aufgeschlossener. Das Forum ist ja so eine Alternative, von der ich sprach. Für mich angenehmer als in einer Gruppe über Probleme zu reden, die für Außenstehende vielleicht gar nicht nachvollziehbar sind.
Warum ich das allein mit mir ausmachen will? Bisher habe ich alle Hürden mit mir selbst ausgemacht, warum sollte es jetzt anders werden?
Ich habe mich jahrelang selbst verletzt. Und nein, das war kein Schrei nach Aufmerksamkeit. Das ist eine Aussage, die einige meiner damaligen Mitmenschen mir entgegengebracht haben. Selbst heute Jahre später, in einem komplett anderen Umfeld meinen noch Leute, sobald sie die (natürlich) vorhanden Narben sehen, mir sagen zu müssen, dass dies ein Zeichen von mangender Aufmerksamkeit gewesen sei. Aus diesem damaligen Tief bin ich ohne Hilfe raus gekommen.
Einige Zeit später wechselte ich den Wohnort und damit auch das Umfeld. Bin irgendwie in die Drogenszene gerutscht. Auch hier war ich jahrelang voll dabei. Habe sämtliche Drogen genommen, die man sich nur vorstellen kann. Von pflanzlichem Zeug, bis hin zur puren Chemie. Es verging kein Tag, an dem ich nicht drauf war. Auch aus diesem Loch bin ich ohne fremde Hilfe irgendwie raus gekommen. In diesem Fall war es vielleicht von Vorteil, dass ich sehr introvertiert bin. Ich bin damals berufsbedingt hunderte Kilometer weit weg gezogen. Kein Kontakt zum Dealer = keine Drogen. Andere Leute ansprechen? No Way!
Ich weiß also, dass ich solch Hürden mit mir allein ausmachen kann.

Wie war das bei dir, wenn du "Lust" auf Alkohol hattest? Wie bist du damit umgegangen?

LG

 
S.E.
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RE: Alternativen zu Selbsthilfegruppen

#4 von Theodor , 29.05.2019 07:03

Hallo Sandra,
Du bist wirklich eine der ganz wenigen, von denen ich gehört habe, die das wirklich ganz allein geschaft haben, Respekt! Grade beim Ritzen und vor allem den Drogen.
Ich bin damals auch weit weggezogen, um aus meinem Umfeld zu endkommen, ohne dies hätte ich es auch nicht geschaft. Zu viele „Freunde“ und hinter jeder Ecke eine Erinnerung!
Ja der verdammte Saufdruck, den kenne ich zu genügend. Auch heute, nach Jahren, überkommt er mich noch manchmal. Anfangs nahm ich Tabletten um ihn auszuhalten, es gibt da ganz gute, die sollten aber nur mit einem Arzt besprochen werden, heute hab ich gelernt ihn auszuhalten.
Bei mir ist er verdammt ausgeprägt, ich bekomme dann Schweißausbrüche, zittern und überhaupt ich könnte dann die Wände hochlaufen. Ich habe >hier< auch schon mal drübergeschrieben.
Ich habe zwar die Möglichkeit jederzeit jemanden aus der Gruppe anzurufen, aber sind wir mal ganz ehrlich, ich habe es noch nie gemacht, ne ich leide dann lieber wie ein richtiger Mann 😊
Aber ich habe gelernt damit umzugehen, meist nam ich meinen Hund, packe ein paar Flaschen Wasser in einen Rucksack und ging tief in den Wald. Oder wie in den letzten Jahren, ich halte es einfach aus, AUSHALTEN, mich selbst aushalten und die Gewissheit es bringt mich nicht um, nur der Alkohol kann mich zerstören! Alles andere ist auszuhalten!
Ich sehe mich dann auch meistens selbst, wenn ich einen Rückfall hatte. Weist du ich war ein übler Trinker, also was die menge anging, ich trank nur Braunes (also Whisky oder Cognac ) und das bis zu drei Flaschen am Tag. Und ich weis genau, dass ich da stehen würde wo ich aufgehört habe. Mit allem drum und Dran, dem trockenkotzen am Morgen, dem Zittern, der Gier. Ne, denke ich dann, da will ich auf keinem Fall mehr hin!
Aber du glaubst nicht wie gut ich mich nachdem ich es überstanden habe fühle. Es ist jedes mal wie ein kleiner Sieg! Großer Sieg! und ich bin nüchtern, kann darüber reden mit Leuten die das verstehen oder selbst erlebt haben (also in meiner Gruppe) (oder hier) und das tut dann nochmal gut.
LG


Theodor

 
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